Jeder für sich . . .
Kann gut sein, dass Ende dieser Woche die EU ihre bekannte Form verloren hat. Die Briten sind dann mal weg. Was folgen würde? Die bangen Aussichten haben die Zunft der Kaffeesudleser gut ernährt. Katastrophen sagen sie voraus, aber auch allerlei Beruhigendes. Eine hübsch abenteuerliche Mischung eigentlich. Der Blick in die Zukunft war eben zu allen Zeiten ein gewagtes Geschäft.
Tatsächlich bedeutet der Brexit vor allem einen weiteren Akt der Entsolidarisierung. Damit lägen die Briten gut im Trend. Sie fragen sich: „Was bringt mir die Mitgliedschaft?“ Weit seltener halten Menschen mit der Frage dagegen: „Was könnte ich einbringen in die Gemeinschaft?“ Über 70 Jahre Frieden nach 1945? Geschenkt! Viele Europäer ducken sich ja auch weg, wenn es Flüchtlinge zu verteilen gilt. Selbst die Zustimmung zu transatlantischen Bündnissen wird nach dem erwarteten Profit bemessen und nicht vor dem Hintergrund der Frage, wie sie den gemeinsamen Lebensraum aller verändern würde. Nein, jeder für sich und Gott mit uns allen, heißt die Devise. Allein Gott darf in unserer Vorstellung nicht in Schrebergartendimensionen handeln. Dann nützte er ja nichts…
Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant hat 1795 den Frieden zwischen den Staaten als ein hartes Stück Arbeit beschrieben. Frieden sei kein natürlicher Zustand für den Menschen. Er müsse gestiftet werden. Es gelte, von der Vernunft geleitete Entscheidungen zu treffen und nach Gerechtigkeit zu trachten. Wie schade, dass Philosophen heute in der Politik so wenig zu melden haben.
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