Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Halbe Sache

25.07.2016 • 17:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Paphos, Leeuwarden, Matera oder Plowdiw kennen Sie nicht? Damit sind Sie beileibe nicht allein, und daran wird sich vermutlich nichts ändern, auch wenn es sich um europäische Kulturhauptstädte der nächsten Jahre handelt. Dass es früher Städte wie Athen, Florenz, Paris oder Madrid waren, macht deutlich, wie sehr inzwischen in einer anderen Liga gespielt wird. 2024 ist Österreich wieder an der Reihe, und dann wird es nach 2003 Graz und 2009 Linz die siebzigste Stadt gewesen sein. Es ist unvermeidlich, dass sich ein derartiges Projekt durch intensiven Gebrauch abnutzt. Den zahlreichen regelmäßigen Landesausstellungen in Österreich ging es nicht besser. Es ist daher kein Wunder, dass die Topfavoriten Wien und Salzburg kein Interesse zeigen.

Da will nun Bregenz in diese Bresche springen, wobei auch Dornbirn, Hohenems, Feldkirch und der Bregenzerwald Stücke vom Kuchen bekommen sollen. Unsere Landeshauptstadt ist dank der Festspiele und des am Bodensee stehenden Kulturhauses des Landes international bekannt und profitiert indirekt auch noch vom hohen Stellenwert der Schubertiade. Der kulturelle Stellenwert im Ausland ist kaum mehr steigerungsfähig. Was fehlt, sind Geld, Infrastruktur und Wintertourismus; da käme die Kulturhauptstadt mit maßgeblicher Finanzierung durch Land, Bund und Partnergemeinden gerade recht. Welche Bereicherung sie für die Kulturschaffenden im Land wäre, ist noch offen. Die Betroffenen jedenfalls sind davon bisher nicht durchwegs überzeugt und folgerichtig hat sich auch der Landeskulturbeirat ablehnend geäußert. Und schließlich ist noch die Frage zu klären, nach welchen Prioritäten die knapper werdenden Mittel der öffentlichen Hand eingesetzt werden. Baustellen gibt es genug, von der Förderung des heimischen Kulturschaffens abgesehen beispielsweise in der Bildungs- und Sozialpolitik.

Ein interessanter Aspekt ist allerdings die regionale Vernetzung mit dem Rheintal und dem Bregenzerwald, sozusagen Bregenz plus. 2010 gab es mit der deutschen Stadt Essen einen derartigen Versuch, damals war unter dem Titel „Ruhr 2010“ das ganze Ruhrgebiet mit über fünf Millionen Einwohnern und 53 Städten einbezogen. Dem entspräche ein Konzept, das ganz Vorarlberg als europäische Kulturregion entwickelt und vorstellt. Wenngleich das Rheintal den weitaus überwiegenden Teil unserer Bevölkerung stellt und der kulturelle Mittelpunkt des Landes ist, gibt es nämlich keinen vernünftigen Grund, den ganzen Süden des Landes links liegen zu lassen. Nur das halbe Land einzubinden, wäre eine halbe Sache.

Der Kulturreferent der Landesregierung, Landesrat Christian Bernhard, hat sich in einem Zeitungsinterview zum vorliegenden Konzept einer Kulturhauptstadt Bregenz und Umgebung kritisch geäußert und die Frage aufgeworfen, ob man nicht doch lieber Bad Ischl den Vortritt lassen sollte. Als Anerkennung für diesen klaren und mutigen Standpunkt werde ich ihm von meinem nächsten Besuch in Bad Ischl einen der berühmten Stollen der Konditorei Zauner mitbringen.

Ein interessanter Aspekt ist die regionale Vernetzung.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.