Ein jeder ein ,,Kini“
Heute zieht die bayerische Staatsregierung erklecklichen Nutzen daraus, dass Ludwig II., der „Kini“, seine wunderlichen Einfälle in Stein meißeln ließ. Mehr als 400.000 Mal erklingen jedes Jahr im Spiegelsalon zu Linderhof die „Ahs“ und „Ohs“ verzückter Besucher. Die Geschichte vom „Tischlein deck dich“, das im Parterre sorgsam gedeckt und nach oben gekurbelt zu Füßen des Königs quasi aus dem Parkettboden wuchs, verfehlt ihre Wirkung nie. Er speiste übrigens allein. Aber gedeckt war für zwei. Weil sich Ludwig die Gesellschaft von Marie Antoinette oder Ludwig XIV. einfach vorstellte. Er wär so gern ein anderer gewesen, deshalb die Traumwelt. Darüber lächeln die Menschen. Weil sie das ja ganz gut kennen.
Ist das nicht die große Krankheit unserer Zeit: Flucht vor der Wirklichkeit? Dicke Autos fahren, die man nicht bezahlen kann. Urlaub auf Pump. Mithalten um jeden Preis. Die Frage „Kleiner Mann, was nun?“, die Hans Fallada 1932 im Gefolge der Weltwirtschaftskrise im gleichnamigen Bestseller aufwarf, könnte man heute auch dank prominenter Vorbilder so beantworten: Gib einfach vor, ein ganz Großer zu sein, und dann … ja dann hält die Illusion mit etwas Glück bis zur nächsten Bankenkrise, und die angehäuften Schulden sind perdu.
Natürlich halten solche tönernen Existenzen keinem Windhauch statt, aber davon erzählt die Werbung nicht. Sie schenkt uns lieber Bilder von Milliardären, die eben erst pleite machten und schon wieder Champagner kübeln auf Ibiza. Damit wir‘s nur ja nicht versehentlich mit der Wirklichkeit versuchen. Oh, das wäre schlecht fürs Geschäft. Vielleicht fänden wir gar Gefallen am schlichten Leben, nicht auszudenken! Nein, dann lieber ein jeder ein kleiner „Kini“. Nur zum tragischen Helden im Opernformat fehlt meist das Talent.
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