Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Wer ist die Mehrheit?

Vorarlberg / 30.08.2016 • 18:21 Uhr

Das eben ist das Problem mit der schweigenden Mehrheit, dass man sie nicht hören kann, und sehen kann man sie auch nicht. Gemessen an dieser Schattenexistenz jenseits der Wahrnehmungsgrenze ist sie freilich seit jeher ein erstaunlich fester Bestandteil der Politik. Den Brandstiftern dient sie als erstes Argument, sie handeln stets im Auftrag der schweigenden Mehrheit. Den Wohlmeinenden ist sie letzte Zuflucht, mitunter sogar dann noch, wenn alles in Scherben liegt: Dann hat die schweigende Mehrheit es zu keinem Zeitpunkt gutgeheißen. Man dachte immer anders. Aber eben schweigend, unsichtbar.

 

Die schweigende Mehrheit, von der ja niemand sagen kann, ob es sie wirklich gibt, wird unverdrossen pausenlos missbraucht und in Dienst genommen. Sie wehrt sich nie. Nicht einmal dann, wenn so ein Westentaschen-Napoleon ihr sein ganz persönliches politisches Fortkommen aufbürdet. Die schweigende Mehrheit ist unendlich duldsam. Und sehr behände. Denn dass in einem Land gleich mehrere schweigende Mehrheiten ganz entgegengesetzte Meinungen vertreten und von den Stimmen brüllender Minderheiten vertreten werden, kommt vor. Es ist mittlerweile fast schon die Regel.

 

Was wäre, wenn so einem Schreihals die schweigende Mehrheit abhanden käme? Wenn sie sich plötzlich vernehmbar machte, mit einem simplen, aber unzweideutigen: „Nicht mit uns!“ Stünde der dann nicht da wie der Monarch im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“? Ganz nackt und mit wenig Gesellschaft, weil die paar notorischen Querschläger aus den Internetforen halt auch keinen Thronsaal füllen? Oh, die schweigende Mehrheit hätte es in der Hand. Wenn sie nicht schwiege.

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