Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Wenn die Erde bebt

01.11.2016 • 18:17 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Viele schauen jetzt gebannt nach Italien. Wie oft bebt die Erde dort noch? Manche kennen die Orte, die eben zu Staub zerfallen sind. Sie sind dort schon entlangspaziert, wo es jetzt keine Straße mehr gibt, haben einen kostbaren Altar, einen Platz, eine Trattoria vor Augen – aber es ist nichts mehr da. Ungläubiges Staunen gesellt sich zum Bedauern. Weil man sich das einfach nicht vorstellen kann.

Erdbeben sind wie eine Metapher auf die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz. Baut nicht jedes Leben zwangsläufig auf letzte Wahrheiten, auf wenige, dafür stabile Sicherheiten auf? Man soll nur ja nicht zu viele Freunde haben, raten die Psychologen. Aber die zwei, drei richtigen, die wiegen alles auf. Da ist die Ehe, die seit 40 Jahren hält. Oder die unverwüstliche Gesundheit. Das Glück, das dem einen nicht von der Seite weichen will. Oder die einschläfernde Verlässlichkeit eines bescheidenen, erfüllten Lebens in der Zielgeraden. Was kann da noch passieren?

Nie ist der Mensch hilfloser als in dem Augenblick, da ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Nie ist er so allein wie im Verlust der wenigen, scheinbar ehernen Gewissheiten. Sicher, Häuser kann man wieder aufbauen. Aber den Schrecken der vollkommenen Haltlosigkeit, nur für ein paar wenige, Ewigkeiten währende Sekunden erlebt, den wird man nicht mehr los. Der klingt nach wie eine Dissonanz, die ohne Vorankündigung jederzeit wiederkehren kann.

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