„Der Familienzuschuss ist ein Relikt“

Vorarlberg / 07.03.2017 • 19:09 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Zadra und Gamon sind sich manchmal einig. Bei der Quote und dem Mindestlohn hingegen nicht. Foto: VN/Paulitsch
Zadra und Gamon sind sich manchmal einig. Bei der Quote und dem Mindestlohn hingegen nicht. Foto: VN/Paulitsch

Teilzeit, Quote, Betreuung: Zwei Abgeordnete diskutieren die Mittel zur Gleichstellung.

Bregenz. Claudia Gamon war 26 Jahre alt, als sie für die Neos in den Nationalrat einzog. Daniel Zadra kam für die Grünen als 30-Jähriger in den Landtag. Beide verantworten die Gleichstellungsagenden ihrer Fraktionen. Anlässlich des Weltfrauentags haben die VN die Abgeordneten eingeladen, über die Gleichstellung von Frau und Mann zu diskutieren. In einem sind sich beide einig: Der Vorarlberger Familienzuschuss ist dabei nicht hilfreich.

Frau Gamon, sind Sie eine Feministin?

Gamon: Absolut. Feminismus ist keine linke Ideologie und hat keine politische Farbe. Es geht darum, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Herr Zadra, können Männer Feministen sein?

Zadra: Es gibt Berührungsängste mit dem Begriff. Ich bezeichne mich auch als Feminist. Im Kampf um die Gleichstellung waren Männer sehr lange in der Zuschauerposition. Da muss viel mehr von Männern kommen.

Wie weit kann Politik die Gleichstellung steuern?

Zadra: Es braucht ganz klare Rahmenbedingungen. Man muss zum Beispiel von einer Vollzeitarbeit gut leben können. Dies könnte durch einen Mindestlohn erreicht werden, der würde vor allem frauenspezifische Branchen betreffen.

Mindestlohn als Mittel zur Gleichstellung?

Zadra: Zum Beispiel. Davon würden Frauen profitieren.

Gamon: Das sehe ich ganz anders. Frauen kommen erst gar nicht dazu, Vollzeit zu arbeiten. In Vorarlberg arbeiten 50 Prozent der Frauen in Teilzeit, bei den Männern sind es nur sieben Prozent. Das liegt vor allem an der Kinderbetreuung, was gerade in Vorarlberg ein Problem ist. Keine Einrichtung ist sechs Tage geöffnet, relativ wenige stehen das ganze Jahr zur Verfügung. So schnappt die Teilzeitfalle zu, und das ist ein großes Problem. So lange das so ist, müssen wir nicht über den Mindestlohn sprechen.

Zadra: Ihre Analyse über die Teilzeit teile ich. Teilzeit ist ein massives Problem, vor allem in der Langzeitauswirkung. Klar kann es das richtige Mittel der Wahl sein, aber es muss jeder wissen, worauf er sich einlässt.

Gamon: Wenn Frauen in Teilzeit gehen, dann zu 40 Prozent wegen Betreuungspflichten. Bei Männern ist es zu 38 Prozent für schulische und berufliche Weiterbildung. Und das ist ein krasser Unterschied. Es gibt zu wenige Plätze, und da ist die Landespolitik gefordert. Da blicke ich zu Ihnen, als Beteiligter der Koalition.

Zadra: Die Situation ist symptomatisch für die Familienpolitik der Vergangenheit. Aber seit etwa drei Jahren tut sich etwas. Es gibt noch Talschaften, in denen man an diesem Brett bohren muss, aber in den großen Gemeinden ist das Brett durch. Man kann die Entwicklung von 40 Jahren nicht so schnell nachholen. Mittlerweile möchte aber selbst die ÖVP mehr Kinderbetreuung.

Gamon: Ja, schon. Aber es gibt immer noch einen großen Unterschied zwischen dem Rheintal und den Seitentälern. Da ist man sehr auf die Initiative von Bürgermeistern angewiesen.

Zadra: Oder Unternehmen. Oder Eltern.

Gamon: Genau. Aber es ist eben nicht überall gleich. Die Geschichte von der Kinderbetreuungseinrichtung im Montafon zeigt, dass es mancherorts immer noch Bürgermeister gibt, die sich gegen die Realität wehren.

Zadra: Es ist ein Alarmsignal, wenn eine junge Mutter wie Nadine Kasper in Vandans mit dem Kopf gegen eine Wand rennt, wenn sie mit weiteren engagierten Eltern etwas auf die Beine stellen will. Aber wir bauen die Kinderbetreuung enorm aus. Manche sagen sogar, wir machen zu viel.

Wer sagt das?

Zadra: Freiheitliche sagen, wir würden nur auf Kinderbetreuung schauen. Die Forderung nach einer Herdprämie kommt jetzt auch wieder verstärkt.

Gamon: Aber die gibt es ja schon lange! Sie heißt Vorarlberger Familienzuschuss.

Zadra: Der Familienzuschuss in dieser Form ist ja ein Relikt.

Gamon: Den könnte man von heute auf morgen abschaffen und direkt in die Kinderbetreuung investieren. Der Zuschuss führt dazu, dass der Wiedereinstieg ins Berufsleben für Frauen noch schwieriger ist als in anderen Bundesländern. Zudem konterkariert er die Gleichstellungsbemühungen des Bundes. Die Grünen haben früher stark für die Abschaffung plädiert. Ich hoffe, das tut ihr weiterhin.

Zadra: Dass wir über Nacht nicht zu Befürwortern geworden sind, ist kein Geheimnis. Aber wir stehen vor viel größeren Aufgaben.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Sind in 20 Jahren 50 Prozent der Aufsichtsräte und der Abgeordneten weiblich?

Gamon: Wenn das nicht so wäre, würden wir echt alle etwas falsch machen. Österreich wäre eine Insel der Ungleichberechtigung.

Zadra: Ich bin kein Freund der Quote, aber sie ist jetzt das einzige Mittel. In der Partei haben wir die Quote schon lange. Das Ergebnis sind 50 Prozent Frauen in den Gremien.

Gamon: Ich bin gegen eine Quote. Ich glaube, dass es in 20 Jahren automatisch so sein wird, und zwar überall.

Zadra: Im Nationalrat haben wir halt 50 Prozent Frauen, bei den Neos sind Sie die einzige.

Gamon: Das wird aber nicht immer so sein.

Herr Zadra, Sie sind im Sommer Vater geworden, wie haben Sie das geregelt?

Zadra: Landtagsabgeordnete können nicht in Karenz gehen, dafür sind die Arbeitszeiten flexibel. Meine Partnerin ist ein Jahr in Karenz gegangen und fängt im Sommer wieder an. Ich bin mehrfach privilegiert, weil ich Großeltern habe, die sich um die Kinder kümmern. Wir haben auch einen Kinderbetreuungsplatz. Als wir unsere Tochter angemeldet haben, war noch nicht einmal klar, welches Geschlecht sie hat. Die Antwort war: Ihr seid nicht zu früh.

Mittlerweile möchte aber selbst die ÖVP mehr Kinderbetreuung.

Daniel Zadra

Feminismus ist keine linke Ideologie und ohne politische Farbe.

Claudia Gamon