Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Staatsmänner

Vorarlberg / 19.06.2017 • 20:13 Uhr

Weil er ja eigentlich zum Abnehmen hier war und demzufolge auf den geliebten Apfelstrudel verzichten sollte, musste sein Begleiter Staatsminister Jenninger einen verspeisen. Er wollte ihn wenigstens riechen können. Diese Disziplin und Willensstärke hat mich damals beeindruckt. 14 Jahre hindurch kam Helmut Kohl als Ministerpräsident, CDU-Oppositionsführer und Bundeskanzler in der Osterzeit zu einem Gesundheitsurlaub in das legendäre Schrunser Kurhotel. Wie sehr er mit dem Montafon verbunden war, konnte man merken, wenn er sich bei Kontakten mit Vorarlbergern nach dem Befinden einzelner Personen erkundigte.

Auch wenn sich nach seinem Abschied als deutscher Bundeskanzler politisch und privat Schatten auf sein Leben gelegt hatten, bleibt Helmut Kohl ein herausragender Bundeskanzler. Nach der Aussöhnung Konrad Adenauers mit Frankreich und Willy Brandts mit Polen gelang Kohl mit der Festigung der EU und der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland ein Lebenswerk, wie es nur wenigen Staatsmännern vergönnt ist. Auch wenn die DDR finanziell nicht mehr lange überlebensfähig gewesen wäre und ihre Reform­unwilligkeit selbst der Sowjetunion auf die Nerven ging, musste jemand die Gunst der Stunde nutzen – das war Helmut Kohl mit seinem Vertrauensverhältnis zu Frankreich, den USA und Michail Gorbatschow. Auch wenn er sich die Erstellung blühender Landschaften in der früheren DDR wohl leichter vorgestellt hatte und sie noch mancherorts auf sich warten lässt, ist das Erwachen aus Mief und Tristesse auch abseits von Berlin unübersehbar.

 

Auch ein zweiter kürzlich verstorbener Staatsmann von europäischer Bedeutung, unser früherer Vizekanzler und Außenminister Alois Mock, hatte ein enges Verhältnis zu Vorarlberg. Seit 1969, als er als junger Kultur- und Unterrichtsminister zu den Bregenzer Festspielen kam, blieb er ihnen so lange treu, als es ihm gesundheitlich möglich war. Er verband das häufig mit einem Wanderurlaub. Dabei wurde ihm beispielsweise bei einem Nachmittag auf der Alpe von Nationalrat Ludwig Hagspiel erst so richtig deutlich, dass unsere Bergtäler nicht durch Aufforstung, sondern nur durch die Bergbauern als Lebens- und Tourismusraum erhalten werden können. Wenngleich für uns natürlich der Einsatz Alois Mocks für den EU-Beitritt im Vordergrund steht, sollten seine Verdienste, den Zerfall Jugoslawiens in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt zu haben, nicht in den Hintergrund treten. Wenngleich die rasche Anerkennung der Eigenstaatlichkeit Sloweniens und Kroatiens damals nicht allen seinen Amtskollegen gefiel, ist heute weitgehend unbestritten, dass auf diese Weise viel Blutvergießen verhindert werden konnte, das anderen Balkanländern nicht erspart blieb.

Helmut Kohl bleibt ein herausragender ­Bundeskanzler.

juergen.weiss@vn.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.