In der Welt und doch allein
Das glaubt man nicht. Mitten in der Welt, im gleißenden Licht der sozialen Netzwerke fühlen sich neun Millionen Briten so alleingelassen, dass die Regierung nun ein Ministerium gegen die Einsamkeit errichtet hat. Kaum tickerte die Meldung über den Kanal, überschlugen sich die Statistiken und boten Stoff für das europäische Einsamkeitsranking und anderen Unsinn.
Doch was bleibt im Schatten der Sensation? Neun Millionen Menschen hätten gerne mehr Kontakt, aber sie kriegen es nicht hin. Nicht mit den Nachbarn, nicht mit Kollegen. Die Freunde auf Facebook bieten offenbar auch keine Erlösung. In jeder britischen Arztpraxis sitzen täglich im Durchschnitt fünf Patienten, die nicht krank, sondern nur einsam sind. Ist das bei uns anders?
Es bleibt das ungute Gefühl einer schleichenden Epidemie, die nicht nur auf der Insel wütet. Gibt es so etwas wie Früherkennung? Wenn, dann allenfalls in den leeren Augen des Nachbarn. Die Medizin hieße Zuwendung. Aber dafür müssten wir uns erst von unserem kleinen Ich-Universum abwenden und von den Bildschirmen in unserer Hand, in denen es erstaunlicherweise Platz zu haben scheint.
Thomas Matt
redaktion@vn.at
Kommentar