Kein Dach mehr überm Kopf

03.05.2018 • 18:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Zahl der Zwangsräumungen stieg von 2016 auf 2017 wieder an.

Schwarzach Eine der Schlüsselfragen des Vorarlberger Wohnungsmarkts lautet: Warum lassen Eigentümer ihre Wohnung leer stehen? Wie die VN berichteten, ließ die Landesregierung die Motive erheben. Die häufigsten Antworten: „Ich möchte mich nicht mit den Mietern ärgern“, „Das Mietrecht ist zu kompliziert“, „Ich befürchte, Mieter nicht mehr raus zu kriegen“, „Die Steuer frisst meinen Ertrag auf“. Die Wohnungen wären aber bitter nötig: Nachfrage und Preise steigen, die Reallöhne stagnieren. Menschen können ihre Miete nicht mehr zahlen. Im schlimmsten Fall folgt die Delogierung, der Rausschmiss aus der Wohnung. 137 Mietern erging es im Vorjahr so.

Lange Wartezeit

Einer, der die Situation kennt, ist Herr L. Er möchte den vollen Namen nicht in der Zeitung lesen, das Thema sei zu heikel. L. ist bereits in Pension, besitzt und vermietet rund zehn Wohnungen und hat im vergangenen halben Jahr drei Delogierungen durchführen müssen. „Mietrecht, Mieter, Steuern, ich kann alles aus der Studie bestätigen.“ Auch wenn ein Mieter nicht bezahle, sei es nicht einfach, ihn aus der Wohnung zu bekommen. Zunächst muss zwei Monate keine Miete mehr eingelangt sein, bevor ein Verfahren eröffnet werden kann. Wird es bestätigt, sind weitere drei Montage abzuwarten. Dann kostet es. „Ich bezahle die Möbelpacker, die Entsorgung, die Renovierung,“ berichtet L.

Rund 90 Prozent aller Kündigungsverfahren drehen sich ums Geld, wie Heidi Lorenzi von der IfS-Delogierungsprävention erklärt. „Oft geht es sich gerade noch aus. Dann geschieht etwas Unvorhergesehenes wie der Jobverlust und plötzlich kann man sich die Wohnung nicht mehr leisten. Die Mieten sind einfach zu hoch.“ Zwar haben die Vermieter durch die gesetzlichen Fristen noch Zeit, aus solchen Situation wieder herauszukommen, manchmal ist das aber nicht möglich. Die Zahl der Kündigungsverfahren ist im Jahresvergleich von 691 auf 724 gestiegen, die der Zwangsräumungen von 132 auf 137. „Ob das mit der neuen Mindestsicherung zusammenhängt, kann man nicht sagen“, betont Lorenzi. „Wir befürchten, dass die Zahl steigt.“ Das Land zahlt noch höchstens 772 Euro für eine Wohnung, die Personenzahl ist egal.

Die Hälfte ans Finanzamt

198.100 Wohnungen existieren in Vorarlberg, davon zählen 19.000 zu den gemeinnützigen. Somit ist logisch, dass der Großteil der Delogierungen in privaten Wohnungen erfolgt. In Wohnungen wie jenen von Herrn L. Er ist kein Miethai, bezeichnet sich als sozialen Menschen. Er vermiete eine 70-Quadratmeter-Wohnung in Feldkirch um 550 Euro. „Klar geht es mir nicht schlecht.“ Aber am Ende bleibe nicht mehr viel übrig, rechnet L. vor. Eine 135-Quadratmeter-Wohnung in einem Altbau bringt ihm 1000 Euro pro Monat. Davon müsse er 25 Prozent abziehen, weil es sich um ein altes Haus handle. Abzüglich Steuern blieben ihm noch 341 Euro pro Monat. Kürzlich musste er in dieser Wohnung 4000 Euro für eine Reparatur zahlen. „Also eine Jahresmiete.“ Kompliziertes Mietrecht, die Steuer frisst den Ertrag auf, Ärger mit dem Vermieter; L.s Konsequenz: Er vermietet nur noch an Menschen mit einem sicheren Job. Wie kürzlich, als er an einen Flüchtling vermietete.