Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Egoismus

Vorarlberg / 28.05.2018 • 19:44 Uhr

Bei Wahlen oder Abstimmungen, die von den Betroffenen am liebsten wieder rückgängig gemacht würden, stehen der britische Austritt aus der EU und US-Präsident Donald Trump im Vordergrund. Dies gilt umso mehr, als sich beim Brexit im Nachhinein maßgebliche Argumente als Irreführung herausgestellt haben. Und in den USA ist inzwischen offenkundig, mit welchen Tricks die Meinungsbildung in den Internetmedien manipuliert wurde.

Dass Donald Trump sein Amt nicht einer Stimmenmehrheit bei den Wählerinnen und Wählern verdankt, sondern lediglich einem uralten Wahlrecht, ficht ihn allerdings nicht an. Innenpolitisch bezieht er den Slogan „America first“ zunächst einmal auf die wirtschaftlichen Interessen von sich und seinesgleichen, anders sind die Rückschritte in der Sozial- und Gesundheitspolitik sowie im Klimaschutz nicht erklärlich. In der Außenpolitik stiften die USA wegen seiner Sprunghaftigkeit und Impulsivität in vielen Bereichen (Naher Osten, Asien, Welthandel, Verhältnis zu Europa) inzwischen mehr Schaden als Nutzen. Das ist eine gravierende Abweichung von einer verdienstvollen amerikanischen Tradition und lässt die USA inzwischen für viele Leute in derselben Liga der Wertschätzung wie Russland oder China spielen.

Allzu sehr sollte man aber auch wieder nicht mit dem Finger auf Amerika zeigen. Nationale Egoismen sind auch in Europa ein Turbo für Wahlergebnisse geworden und (im Unterschied zu den USA!) werden hier in einem Aufwaschen gleich auch wesentliche demokratische Standards demoliert. Dass sich dabei große Subventionsempfänger der EU besonders hervortun, ist eine Schattenseite der europäischen Einigung geworden. Gegen den nationalistischen und EU-ablehnenden Virus sind leider auch die rechten Ränder in Österreich und Deutschland offenkundig nicht völlig immun geblieben. Diese Stimmung fiel natürlich nicht vom Himmel, sondern spiegelt wider, dass sich auch im gesellschaftlichen Zusammenleben Egoismus und Aggressivität immer mehr breitmachen, wohl eine Folge zunehmender Angst vor der Zukunft.

Dass es auch anders geht, haben am Samstag unerwartet viele Frauen und Männer beim Fest am See gezeigt. Das war nicht nur ein bloßes Fest zum 50-Jahr-Jubiläum der eigenen Diözese (allein deswegen wäre der Zuspruch vermutlich nicht so groß gewesen), sondern eine beeindruckende Leistungsschau der Mitmenschlichkeit und Solidarität – letztlich auch ein kräftiges Signal der Lebensfreude und Zuversicht.

„Zu sehr sollte man nicht mit dem Finger auf Amerika zeigen.“

Jürgen Weiss

juergen.weiss@vn.at

Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.