Spiele ohne Grenzen

Übergriffe von Kindern auf Kinder als Tabu. Das Land will Hilfsangebote anpassen.
bregenz Sexuelle Übergriffe von Kinder und Jugendlichen auf Kinder sind noch weitgehend Neuland in der Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe. Deshalb lud das Land zu einer Fachtagung mit der deutschen Expertin Rita Steffes-enn.
Wird einfach ausgeblendet, dass zwischen Kindern ebenfalls Übergriffe passieren?
Steffes-enn Ich denke, dass die Mehrheit Übergriffigkeiten, die durch Kinder und Jugendliche erfolgen, als Spiele oder Experimente abwertet und damit nicht wahrnimmt, dass es Kinder gibt, die damit auch belastet sind. Dieser Blick fehlt leider auf Kinder und Jugendliche. Die Forschungslage dazu ist allerdings eindeutig. Übergriffe, die Kinder oder Jugendliche an Kindern setzen, werden von den Betroffenen genauso belastend erlebt, wie wenn ein Erwachsener den Übergriff durchführt.
Wie alt sind die Kinder, die sich übergriffig verhalten?
Steffes-enn Die Jüngsten, mit denen wir es in Einrichtungen zu tun haben, sind vier, fünf Jahre.
Welche Gründe gibt es dafür?
Steffes-enn Das eine ist, dass wir sexuelle Wesen sind. Das heißt, Kinder sind sehr viel mit dem Körper und mit Fühlen beschäftigt, weniger mit Denken. Von daher spielt die Motorik, sich über den Körper zu erfahren, bei Kindern eine große Rolle. Daraus resultiert, dass sie oft mit vollem Körpereinsatz arbeiten, bedauerlicherweise auch dann, wenn es Grenzverletzungen sind.
Lässt sich eine Grenze zwischen Spiel und Übergriffigkeit ziehen?
Steffes-enn Diese zu erkennen, ist die große Herausforderung. Es braucht eine qualifizierte Betrachtung, weil es auf den ersten Blick nicht so eindeutig erkennbar ist. Aber es gibt Kriterien, woran sich festmachen lässt, dass es keine Einvernehmlichkeit, kein schönes Miteinander ist. Wenn ein Kind traurig ist, Angst hat, Scham empfindet, die Unbeschwertheit fehlt, besteht Interventionsbedarf.
Warum verhalten sich Kinder und Jugendliche übergriffig?
Steffes-enn Die Ursachen sind mannigfaltig. Einer der größten Fehler ist jedoch, anzunehmen, dass ein Kind selbst sexuell missbraucht worden sein muss, um in gleicher Weise zu handeln. Diesen Kontext haben wir zwar bei gravierenden oder wiederholten Übergriffen, da schwanken die Zahlen zwischen 20 und 50 Prozent. Das heißt aber gleichzeitig, wir haben 50 bis 80 Prozent, die vorher keinen sexuellen Missbrauch erlebten. Es gibt also eine sehr große Zahl von Kindern und Jugendlichen, die das aus anderen Motiven machen.
Welche Motive sind das?
Steffes-enn Die Suche nach Nähe, um Frustrationen zu bewältigen, weil Sexualität natürlich auch etwas ist, womit man Selbstwirksamkeit erleben kann, auch Macht und Anerkennung, aber ebenso Liebe und Zärtlichkeit. Es ist ja nicht immer brutale Gewalt im Spiel, trotzdem kann es sich um einen Übergriff handeln.
Sind das Einzeltäter oder gibt es eine Gruppendynamik?
Steffes-enn Wenn Jugendliche Gleichaltrige sexuell übergriffig behandeln, handelt es sich in ungefähr 20 bis 30 Prozent der Fälle um Gruppendelikte. Ist das Opfer ein Kind, sind es meist Einzeltäter.
Sie haben von fachlichem Hinsehen gesprochen. Gibt es diese Fachlichkeit schon in ausreichendem Maße?
Steffes-enn Die Fachtagung, zu der das Land eingeladen hat, soll das Bewusstsein für die Thematik schärfen. Auch wir in Deutschland mussten erst einmal anerkennen, dass es das gibt und dann Strukturen schaffen. In Vorarlberg bestehen bislang keine spezialisierten Strukturen. Man hat aber gemerkt, dass man mit den klassischen Hilfen nicht mehr weiterkommt. Deswegen finde ich es gut, dass man mit einem so großen Fachtag versucht, Sensibilisierung und Öffentlichkeit für dieses soziale Problem herzustellen.
Reicht das aus?
Steffes-Enn Natürlich nicht, in einem nächsten Schritt ist jedoch bereits geplant, strukturierte Angebote einzuführen, damit alle ihre fachliche Kraft entfalten und Kindern, die übergriffig sind, helfen können, aus dem Muster herauszukommen, und andere Kinder vor ihnen zu schützen. Ich wünsche den Vorarlbergern wirklich sehr, dass dieser Plan aufgeht und gelingt. Es wäre wichtig.
Wie sehen Hilfen für die Täter aus?
Steffes-enn Das ist sehr unterschiedlich und reicht von pädagogisch spezialisierten Angeboten über Einzel- und Gruppentherapien mit langen und kurzen Intervallen bis hin zu hochintensiven Gruppen mit 1:1 Betreuung. In Einzelfällen kann auch eine Unterbringung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nötig sein. Meist ist es jedoch kein klinisches, sondern tatsächlich ein pädagogisches Problem.
Spielt das soziale Umfeld eine Rolle?
Steffes-enn Wenn damit gemeint ist, dass es mehr ein Thema der bildungsfernen Schichten sei: Damit hat es nichts zu tun.
Gibt es Möglichkeiten der Früherkennung?
Steffes-enn Wichtig ist der Kinderschutz. Wir sind zwar noch immer nicht imstande, die Zahl an Kindesmisshandlungen zu senken, aber wir erkennen Kinder in solchen Situationen früher. Parallel dazu ist die Jugendkriminalität rückläufig. Ob zufällig oder kausal, wissen wir nicht, doch es liegt nahe, weil erfahrene Kindesmisshandlung definitiv ein Risikofaktor für spätere Straffälligkeit darstellt.
Zur Person
Rita Steffes-enn
forscht zu sexuellen Übergriffen von Kindern gegen Kinder.
Ausbildung Polizeibeamtin
Laufbahn Leiterin des Zentrums für Kriminologie und Polizeiforschung in Kaisersesch (Rheinland-Pfalz), Sozialarbeiterin, Tätertherapie