Der Zufall als Retter

Vorarlberg / 11.06.2018 • 19:06 Uhr
Said (links) und Nawab flüchteten aus ihrer Heimat nach Österreich. VN/Paulitsch
Said (links) und Nawab flüchteten aus ihrer Heimat nach Österreich. VN/Paulitsch

Said und Nawab kommen aus Afghanistan. Im Fall einer Abschiebung fürchten sie um ihr Leben.

schwarzach Vor einigen Jahren sahen sich Said und Nawab zur Flucht aus Afghanistan gezwungen. 2015 kamen sie nach Österreich und schließlich nach Vorarlberg. Beide erzählen von Bedrohungen durch die radikalislamische Taliban, ihren Schilderungen zufolge kamen sie nur durch Zufall mit dem Leben davon. Sie sind sich sicher: Bei einer Rückkehr nach Afghanistan wartet nur der Tod. Doch die Behörden glauben ihnen nicht: Sowohl Said als auch Nawab haben einen negativen Asylbescheid erhalten.

Zur Reperatur gezwungen

Said stammt aus der Provinz Maidan Wardak. Schon mit neun Jahren sei er als Lkw-Techniker tätig gewesen, sagt der heute 20-Jährige. Nachdem Taliban-Kämpfer seinen Vater umgebracht hätten, blieb ihm nichts anderes übrig. „Ich musste meine Familie ernähren.“ Grundsätzlich sei er aber zufrieden mit seinem Leben gewesen. Alles änderte sich, als Taliban-Kämpfer erneut auf der Bildfläche erschienen. Said schildert, wie sie ihn aufforderten, ein gekapertes Armee-Fahrzeug zu reparieren. Wie sie sich auch durch seine Beteuerungen, dass ein Ersatzteil in keinem Geschäft aufzutreiben sei, nicht überzeugen ließen. „Sie sagten, ich solle es notdürftig instand setzen, sonst würden sie mich töten.“ Said tat, wie ihm befohlen. Es dauerte nicht lange, bis er von einem Unfall hörte. Bekannte erzählten, dass zwei Taliban-Kämpfer in jenem Fahrzeug umgekommen seien, das er repariert habe. Said sagt, nur dem Zufall sei es noch zu verdanken, dass er am Leben sei. Als die Taliban sein Haus stürmten, befand er sich wegen einer Nierenoperation im Spital. Seine Stiefmutter war zu Hause, sie wurde statt ihm ermordet. Daraufhin sei er geflüchtet.

Heute lebt der Afghane, der früher niemals eine Schule besucht hat und sich selbst das Lesen und Schreiben beibrachte, in Hard. An der Volkshochschule Götzis macht er seinen Hauptschulabschluss, seine Noten sind sehr gut. Nach seinem Abschluss hätte er eine Lehre als Kfz-Mechaniker in Aussicht.

Nawab kommt aus Faryab. Der 29-Jährige war als Sicherheitskraft bei einer US-Ölfirma tätig. Auch in seiner Erzählung spielen die Taliban eine zentrale Rolle: Demnach versuchten die Extremisten, ihn und zwei Freunde für einen Anschlag zu rekrutieren. Die Männer weigerten sich, die Taliban zogen ab. Eines Tages wollte die Gruppe gemeinsam ihren Urlaub antreten. Sie machten sich in einem Konvoi in die Heimatstadt auf. In einem Waldstück zwangen die Taliban alle Männer aus den Fahrzeugen und kontrollierten ihre Identität. Nawab schildert, wie er gemerkt habe, dass sich sein Ausweis nicht in der Tasche befand. „Meine Freunde hatten ihre ID mit sich. Sie wurden an Ort und Stelle vor allen Anwesenden geköpft.“ In der Anonymität der Menschenmenge konnte Nawab unerkannt weiterreisen. Daraufhin erhielt seine Familie einen Drohbrief, auch sei er mehrmals telefonisch bedroht worden. Er beschloss zu fliehen. Der 29-Jährige lebt heute in Langen. „Ich würde sehr gerne arbeiten“, betont er. Aus Altersgründen kann er keine Lehre beginnen. Ihm bleiben Integrationstätigkeiten, etwa für die Caritas oder Freiwilligenarbeit.

NGO empört

Schilderungen wie jene der beiden Afghanen lösen bei Hilfsorganisationen Empörung  aus. Zuletzt startete eine Initiative um Diakonie und Volkshilfe die Kampagne „#sichersein“. Sie fordert die Regierung dazu auf, niemanden mehr nach Afghanistan abzuschieben. Auch Amnesty International kritisierte im Jahresbericht 2017/18 Rückführungen in das Land und erwähnte neben anderen europäischen Staaten explizit Österreich. Die Regierung hält bislang aber an dem Argument fest, dass es auch sichere Landesteile gebe. 

Für Said und Nawab heißt es jetzt: warten. Nach einem Einspruch hoffen sie auf die Entscheidung in zweiter Instanz. Wie auch Said ist Nawab überzeugt: „In Afghanistan werde ich nicht lange überleben.“

„Die Taliban sagten, ich sollte das Fahrzeug notdürftig instand setzen, sonst würden sie mich töten.“

Stichwort Asylwerber aus Afghanistan

Von 24.735 Asylanträgen in Österreich stammten im Vorjahr 3781 von Menschen aus Afghanistan. Das zeigt die Asylstatistik des Innenministeriums. Nach den Syrern (7356) befinden sich Afghanen auf Platz zwei. Die Chancen, Asyl zu bekommen, liegen bei etwa 47 Prozent (Syrer: 92 Prozent). Insgesamt 30.428 Menschen wurde 2017 zumindest ein befristetes Aufenthaltsrecht zugesprochen. Es gab 28.818 rechtskräftig negative Entscheidungen. 4274 Afghanen erhielten Asyl, 2957 einen rechtskräftig negativen Bescheid. 3248 Menschen erhielten subsidiären Schutz, 84 ein humanitäres Aufenthaltsrecht.