Ein Urteil und seine Folgen

07.03.2019 • 21:54 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Mehrere Hundert Besucher kamen nach Hohenems und beteiligten sich an einer emotionalen Diskussion. Die Unsicherheit unter den Vorarlberger Landwirten ist groß, derzeit sind viele Fragen offen.
Mehrere Hundert Besucher kamen nach Hohenems und beteiligten sich an einer emotionalen Diskussion. Die Unsicherheit unter den Vorarlberger Landwirten ist groß, derzeit sind viele Fragen offen.

Lebhafte Debatte beim VN-Stammtisch in Hohenems nach dem Alp-Urteil von Innsbruck.

Hohenems 28. Juli 2014: Eine deutsche Touristin (45) spaziert mit ihrem Hund auf einer Gemeindestraße bei der Pinnisalm in Tirol. Erst 15 Minuten zuvor attackierten Mutterkühe eine Passantin, deren Hunde die Tiere aufgescheucht hatten. Auch die 45-Jährige wird nun von den Kühen umzingelt. Die Leine des Hundes kann sie nicht mehr rechtzeitig lösen. Die Frau wird niedergestoßen, ihre Lungen und ihr Herz zerquetscht, fast alle Rippen gebrochen. Sie stirbt. Viereinhalb Jahre später hat das Tiroler Landesgericht zivilrechtlich den Bauern und dessen Haftpflichtversicherung zu Schadenersatz verurteilt (insgesamt rund 490.000 Euro). Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Dennoch versetzt es Tourismus und Almwirtschaft in Aufregung. Müssen nun Bauern für Unfälle mit Kühen auf Almen zahlen? Beim VN-Stammtisch am Donnerstagabend in der Landwirtschaftsschule in Hohenems diskutierten Vertreter verschiedener Interessensgruppen über mögliche Folgen des Urteils. Rasch entwickelt sich eine emotionale Debatte über Verantwortung, Eigentum, Zäune, Touristen und immer wieder Hunde.

„Große Betroffenheit“

Christoph Freuis ist Geschäftsführer des Alpwirtschaftsvereins Vorarlberg. Als solcher ist er überzeugt: „Das umstrittene Urteil bringt Probleme für die ganze österreichische Landwirtschaft mit sich.“ Er ortet eine amerikanische Entwicklung in der österreichischen Justiz und warnt: „Schotterstraßen wie jene in Tirol mit Fahrverbot haben wir viele in Vorarlberg. Und oft ist eine Gaststätte in der Nähe.“ Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger ergänzt: „Das Urteil hat für große Betroffenheit gesorgt.“ Die Freizeitaktivitäten in den Bergen hätten stark zugenommen. „Aber eines muss klar sein: Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit!“ Hotelier und Wanderführer Jürgen Zudrell erinnert an den Vorfall in Tirol: „Es ist schrecklich, was da passiert ist.“ Gleichzeitig lobt er die Landwirte: „Die Kultur- und Landschaftspflege hat einen hohen Stellenwert für den Tourismus.“

Amtstierarzt Erik Schmid möchte sich zum Fall nicht äußern: „Es steht niemandem zu, dieses Urteil zu bewerten.“ Er suche den gemeinsamen Nenner in der Diskussion: „Alle fordern Eigenverantwortung. Aber die muss für alle Tierbesitzer gelten, sowohl für Hunde- als auch Rinderbesitzer.“ Kammerpräsident Moosbrugger entgegnet: „Bei der Eigenverantwortung sind wir einer Meinung. Aber zuerst kommt die Alpwirtschaft, dann die Freizeit.“

Schmid erneuert indes seine Forderung nach einem Hundeführerschein. Älpler Christian Kohler stellt unterstützend fest: „Ich bin seit 15 Jahren am Spullersee. Und bemerke, dass mittlerweile jeder zweite Hund nicht angeleint ist.“

In der Debatte mit dem Publikum werden die Konfliktlinien deutlich: Touristen, Biker, Hunde und deren Besitzer. „Aber nicht alle“, wehrt sich ein Mann aus dem Publikum. Ein Alpbetreiber erzählt: „Bei uns fahren noch um 22 Uhr Biker über die Weide. Wir müssen die Touristen wohl aussperren.“ Eine Älpler-Kollegin fragt sich: „Wie viel Rücksicht ist zumutbar? Muss ich nun ständig da sein und aufpassen?“

„Kein Anlassgesetz“

Auch der Ruf nach einem Leinenzwang auf Alpen wird immer wieder laut. Jürgen Zudrell baut hingegen auf Aufklärung. Verbote seien nicht zielführend. Erik Schmid stimmt zu: „Ich bin kein Freund von Anlassgesetzgebung.“

Zahlreiche Fragen werden an diesem Abend aufgeworfen, die die Dimension des Themas zeigen: Was ist eine ortsübliche Einzäunung? Wie viel Zaun braucht es? Leinenzwang? Hundeverbot? Wem gehört die Alpe? Dem Wanderer, den Älplern? Allen? Der Standpunkt bestimmt die Meinung. Immer wieder kommt das Urteil zur Sprache. Moosbrugger befürchtet: „Wenn es hält, werden der Schilderwald und die Zäune zunehmen.“ Er habe aber bereits die Zusage des Landes für einen Versicherungsschutz in der Tasche, damit solche Haftungsfragen nicht mehr aufkommen.

Ein tragischer Fall in Tirol sorgt also fünf Jahre danach auch in Vorarlberg für heftige Diskussionen. Der Mann der Verstorbenen sagte laut „Falter“ vor dem Gericht übrigens aus, dass sein Leben den Sinn verloren habe. Nur der gemeinsame Sohn halte ihn vom Suizid ab.

Meiner Meinung nach hat der Richter, der dieses Urteil gefällt hat, keine Ahnung von dieser Materie. Der Hundebesitzerin hätte dieses Risiko bewusst sein müssen. Es ist kaum möglich, die Wege einzuzäunen. Das wäre eine große Belastung für Vorarlbergs Landwirte . Erich Meusburger  79, Egg

Meiner Meinung nach hat der Richter, der dieses Urteil gefällt hat, keine Ahnung von dieser Materie. Der Hundebesitzerin hätte dieses Risiko bewusst sein müssen. Es ist kaum möglich, die Wege einzuzäunen. Das wäre eine große Belastung für Vorarlbergs Landwirte . Erich Meusburger 79, Egg

Ein Hundeverbot ist einfach nicht möglich, genau so wenig können Wanderwege eingezäunt werden. Niemand konnte die schweren Folgen ahnen, deswegen ist es auch so wichtig, darüber zu diskutieren und beide Seiten über Rechte und Pflichten aufzuklären. Lothar Mittelberger, 69 Götzis

Ein Hundeverbot ist einfach nicht möglich, genau so wenig können Wanderwege eingezäunt werden. Niemand konnte die schweren Folgen ahnen, deswegen ist es auch so wichtig, darüber zu diskutieren und beide Seiten über Rechte und Pflichten aufzuklären. Lothar Mittelberger, 69 Götzis

Hundebesitzer müssen sich an gewisse Regeln halten, wenn sie unsere Weiden besuchen. Hunde sollten an der Leine gehalten oder Wanderrouten anders geplant werden. Die Alpwirtschaft wird in dieser Form nicht mehr möglich sein, wenn sich keine Lösung findet. Martin Rusch, 47 Dornbirn

Hundebesitzer müssen sich an gewisse Regeln halten, wenn sie unsere Weiden besuchen. Hunde sollten an der Leine gehalten oder Wanderrouten anders geplant werden. Die Alpwirtschaft wird in dieser Form nicht mehr möglich sein, wenn sich keine Lösung findet. Martin Rusch, 47 Dornbirn

Es kann nicht sein, dass Landwirte immer als Schuldige dargestellt werden und es kann ebefalls nicht sein, dass sich Alpbesitzer der Anspruchsgesellschaft beugen müssen. Zum Schluss ist es eine Kostenfrage, wer für die Sicherheit auf den Alpen aufkommt. Bianca van Dellen 36, Brand

Es kann nicht sein, dass Landwirte immer als Schuldige dargestellt werden und es kann ebefalls nicht sein, dass sich Alpbesitzer der Anspruchsgesellschaft beugen müssen. Zum Schluss ist es eine Kostenfrage, wer für die Sicherheit auf den Alpen aufkommt. Bianca van Dellen 36, Brand

Auf dem Podium diskutierten (von links): Christian Kohler, Erik Schmid, Moderator VN-Redakteur Klaus Hämmerle, Josef Moosbrugger, Christoph Freuis und Jürgen Zudrell.
Auf dem Podium diskutierten (von links): Christian Kohler, Erik Schmid, Moderator VN-Redakteur Klaus Hämmerle, Josef Moosbrugger, Christoph Freuis und Jürgen Zudrell.

Das Urteil

Laut Urteilsverkündung handelt es sich beim Wanderweg um eine gut frequentierte Gemeindestraße, die von rund 80 Autos und 140 Wanderern pro Tag benutzt wird. Mit einer großen Gastwirtschaft als Ziel. Es ist also kein kleiner Wanderweg. Der Landwirt hat zwar Warnschilder aufgestellt, das reichte dem Gericht aber nicht. Ihm hätte die Agressivität seiner Kühe bewusst sein müssen, sagt der Richter. Die Kühe hatten auch keine Glocken umgehängt gehabt. Nach dem Unfall hat der Landwirt einen Weidezaun aufgestellt. Das Urteil ist nicht rechtskräfitg.

Stimmen vom Stammtisch

Das ist ein völlig neuer Zugang, wie das Gericht entschieden hat. Das sind amerikanische Verhältnisse in der Justiz, die nun auch in der Landwirtschaft angekommen sind. Christopf Freuis, Geschäftsführer Alpwirtschaftsverein Vorarlberg

Wir möchten unseren Gästen die Kultur- und Naturlandschaft vermitteln. Sperrgebiete auf den Alpen wären daher schlimm. Jürgen Zudrell, Hotelier und Wanderführer

Uns wird für die Ställe eine Größe vorgeschrieben. Aber in kleinen Wohnungen dürfen Hunde den ganzen Tag eingesperrt sein und spinnen am Abend, wenn sie ins Freie kommen. Da hat der Hundebesitzer auch Eigenverantwortung. Michaela Stadelmann, Landwirtin und Besitzerin von zwei Hunden

Ich bin der letzte, der idiotische Hunde verteidigt. Meiner Meinung nach braucht es dringend einen Hundeführerschein. Zudem muss jeder Gast den richtigen Umgang mit den Weidetieren lernen. Es braucht Eigenverantwortung auf allen Seiten. Erik Schmid, Fachtierarzt und Hundeexperte

Auf den Alpen gilt: Zuerst die Alpwirtschaft, dann die Freizeitnutzung. Josef Moosbrugger, Österreichischer Landwirtschaftskammerpräsident

Ich bin seit seit 15 Jahren am Spullersee. Mittlerweile ist jeder zweite Hund nicht angeleint. Christoph Kohler, Älpler

Wir lassen nicht zu, dass wir uns in unserer eigenen Heimat vertreiben lassen. Wir zäunen nicht ein, sondern den Tourismus aus. Reinhold Kräutler, Dornbirner Älpler

Vom VN-Stammtisch berichten: Michael Prock, Leonie Vierlinger (Texte): Philipp Steurer (Fotos)