Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

So klein

Vorarlberg / 01.05.2019 • 07:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Für sein Alter war Marcel zu klein, das sagte der Arzt, und er sagte auch, wir müssen das beobachten. Es könnte eine Wachstumsstörung sein. Der Vater stellte Marcel jede Woche an die Wand und vermaß ihn, schrieb das Maß auf die Tapete und musste feststellen, wieder war er nicht gewachsen. Marcel war fünf Jahre alt, sah aber aus wie ein Zweijähriger. Seine Fähigkeiten waren seinem Alter entsprechend gut, wie seine Mutter oft sagte, besser, als sie bei seinen großen Brüdern gewesen waren. Er konnte schon schreiben, bis hundert zählen, wusste, wieviel sieben weniger drei war und so weiter. Er konnte zeichnen, sehr geschickt, wie der Vater lobte, geschickter als er es bei seinen großen Söhnen gesehen hatte. Aber eben. Er wollte nicht wachsen. Es sei noch zu früh, einen Spezialisten aufzusuchen, Fälle von verzögertem Wachstum gebe es immer wieder. Auf einmal würde Marcel wachsen und alles wäre gut. Für ihn war schon jetzt alles gut. Nur durch das viele Diskutieren seiner Eltern am Tisch, vor dem Fernseher, beim Spazieren, war der Kleine verunsichert. Die Mutter spazierte mit ihm auf den Acker, es war Frühling, und sie sagte zu Marcel: „Siehst du, wie alles wächst, es ist eine Freude, der Frühling ist die beste Jahreszeit.“


„Siehst du, wie alles wächst, es ist eine Freude, der Frühling ist die beste Jahreszeit.“

Also dachte sich Marcel, im Frühling wächst alles, und zu Allem gehöre auch ich, also werde ich auch im Frühling wachsen. Wieder einmal hörte er dem Gespräch über sein Kleinsein zu – die Großeltern waren zu Besuch. Der Großvater hatte von einem Arzt in München gelesen, einer Kapazität. Er habe sich über das Internet kundig gemacht, und er bot sich an, mit Marcel dahin zu fahren. Da wurde es dem Kleinen zu viel. Er schlüpfte in seine Turnschuhe – er konnte die Schleife schon ein Jahr lang und wollte auch deshalb nur Schuhe mit Schnürsenkeln, weil er das Schnüren so liebte.

Er ging auf der Seite, wie es ihm die Mutter eingebläut hatte, blieb an der Ampel stehen, ging über den Zebrastreifen. Bis zum Acker lief er, er rannte. Angekommen, setzte er sich auf den Kartoffelacker mitten in die grünen Blätter mit den violetten Blüten. Er dachte sich: So bleibe ich bis zum Abend, und dann stelle ich mich zu Hause an die Wand und prüfe, wie viel ich gewachsen bin.
Er war aber nicht gewachsen. Seine Eltern hatten sein Verschwinden gar nicht wahrgenommen. Sie dachten, er baue in seinem Zimmer aus kleinsten Teilchen Monster zusammen. Die Familie hatte Wein getrunken und war fröhlich.
„Komm setz dich auf meinen Schoß“, sagte die Großmutter, „ich erzähle dir die Geschichte vom Däumling.“

Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.