Peter Bußjäger

Kommentar

Peter Bußjäger

Davonschleicher

09.05.2019 • 12:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Volksabstimmung in Vorarlberg über einen Anschluss an die Schweiz jährt sich in diesen Tagen zum hundertsten Mal. Der Ausgang des von der breiten Mehrheit der Vorarlberger Bevölkerung unterstützten Vorhabens (nur in drei Gemeinden, Bludenz, Hittisau und im damals noch als eigene Gemeinde existierenden Bolgenach wurde der Anschluss abgelehnt) ist bekannt: Das Werben bei der Schweiz blieb aus verschiedenen Gründen vergeblich, Vorarlberg wurde danach spöttisch „Kanton Übrig“ genannt und dürfte die Bezeichnung auch in den nächsten 100 Jahren kaum loswerden.

Originelle Davonschleicher

Im Rahmen einer Verhandlung zwischen Vertretern des Bundes und der Länder über die neue Bundesverfassung nannte 1919 ein sozialdemokratischer Abgeordneter aus Tirol den Vorarlberger Landeshauptmann Ender grimmig einen „Davonschleicher“, billigte ihm aber zu, immerhin ein „origineller Davonschleicher“ zu sein.

„Die Frage, was dann aus Vorarlberg geworden wäre, stellte sich nicht, weil die Alliierten kein Interesse hatten, Italien die versprochene Kriegsbeute vorzuenthalten.“

Er meinte damit, dass damals nicht nur die Vorarlberger kein Vertrauen in die Lebensfähigkeit Österreichs hatten, sondern auch andere Länder: Tirol versuchte 1919, um die Einheit mit Südtirol zu wahren, ein eigenständiger Staat zu werden, am besten ein lammfrommer Kirchenstaat. Die Frage, was dann aus Vorarlberg geworden wäre, stellte sich nicht, weil die Alliierten kein Interesse hatten, Italien die versprochene Kriegsbeute vorzuenthalten.

Anschluss an Deutschland?

Weil niemand so recht an die Überlebensfähigkeit Österreichs glaubte, gab es noch andere Versuche, sich davonzuschleichen: 1921 fanden in Salzburg und Tirol Volksabstimmungen über einen Anschluss an das Deutsche Reich statt, mit einer Zustimmung der Bevölkerung zwischen 98 und 99 Prozent. Eine Volksabstimmung in der Steiermark wurde im letzten Augenblick vermutlich wegen Drucks aus Wien abgesagt. Landeshauptmann Ender ließ es sich nicht nehmen, im Vorarlberger Landtag süffisant darüber zu lästern, dass einige Länder nicht wahrhaben wollten, dass die Außenpolitik eben Sache des Bundes und nicht der Länder sei.

Nachdem die Geschichte nur noch den „Kanton Übrig“ kennt, sei an dieser Stelle auch mal an die anderen „Davonschleicher“ erinnert.

Peter Bußjäger ist Direktor des ­Instituts für Föderalismus und ­Universitätsprofessor in Innsbruck.

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