Kampf der Gewalt an Schulen

13.05.2019 • 17:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bedrohungsszenario in einer Schulklasse. Besonders Lehrerinnen fühlen sich gegenüber kräftigen Jugendlichen oft hilflos.Symbolbild: Fotolia
Bedrohungsszenario in einer Schulklasse. Besonders Lehrerinnen fühlen sich gegenüber kräftigen Jugendlichen oft hilflos.Symbolbild: Fotolia

Schubsen, stoßen, drohen, beleidigen: Die heile Schulwelt gibt es auch bei uns nicht.

Schwarzach Die Lehrerin hat Angst. Sie wird von einer Gruppe kräftiger männlicher Schüler in eine Ecke des Klassenzimmers gedrängt. Dort fangen diese an, sie zu halten, herumzuschubsen. Die Lehrerin ist hilflos. Passiert ist das an einer heimischen Mittelschule. „Die Kollegin wollte den Vorfall nicht an die große Glocke hängen, um dem Image der Schule nicht zu schaden. Auch schämte sie sich einfach, diese Geschichte nach außen zu tragen“, berichtet Lehrervertreter Andreas Hammerer (53). Regelmäßig würden ihm Vorfälle dieser Art von Betroffenen mitgeteilt. Dazu zählen auch übelste verbale Beleidigungen von Schülern gegen ihre Pädagogen. „Die Beleidigungen sind manchmal auch religiös motiviert. Dann kommt es schon einmal vor, dass eine Lehrerin von einer bestimmten Gruppe als Hure tituliert wird.“

Wegen Handy ausgeflippt

An der polytechnischen Schule in Bregenz entwickelte sich unlängst ein Teenager mit tschetschenischem Hintergrund zu einem Problem. Direktor Herwig Orgler: „Ein an und für sich intelligenter Bub, der mit seiner Familie zu uns gekommen ist, weil er bereits dort an Schulen Probleme wegen seiner Gewaltbereitschaft hatte. Er ignorierte das Handyverbot an unserer Schule. Ein Kollege wollte es ihm abnehmen. Da kam es fast zu Handgreiflichkeiten. Ich konnte gerade noch das Schlimmste verhindern. Er ist derzeit suspendiert und hat sich leider auch unserer Hilfsbereitschaft entzogen, ihm Schnupperangebote in Firmen zu vermitteln. Die verbalen Entgleisungen im Rang von „Schwuchtel“ oder „Arschloch“ erwähnt Orgler nebenbei. „Es gibt natürlich auch andere Schüler, die Lehrpersonen solche Kraftausdrücke entgegenschleudern. Viele nehmen das dann aber sofort zurück und entschuldigen sich.“

Gewalt in vielerlei Form

Die Gewaltbereitschaft an Schulen scheint im Steigen begriffen. „Dieser subjektive Eindruck ist da, mit Zahlen belegen können wir ihn jedoch noch nicht“, sagt Landesschul­inspektor Christian Kompatscher (54), in dessen Tätigkeitsbereich der Umgang mit gewaltbereiten Schülern fällt. Gewalt an Schulen nimmt das Schulaufsichtsorgan in mannigfaltiger Form wahr: „Da gibt es nicht nur die Gewalt von Schülern gegen Lehrer, sondern auch Lehrer gegen Schüler oder Schüler untereinander. Physische Gewaltausbrüche haben interessanterweise bei Volksschulkindern zugenommen. Vor allem bei jenen, die vom Kindergarten gekommen sind und sich in der Schule noch nicht zurechtfinden und sich in einer Trotzphase befinden.“ Kompatscher ist Mitglied der Arbeitsgruppe von Bildungsminister Heinz Faßmann (64), die sich mit dem Problem Gewalt an Schulen beschäftigt und nach Gegenstrategien sucht. Seine scheidende Amtskollegin Karin Engstler (62) fordert diesbezüglich zusätzliche Ressourcen für die Betreuung von Problemschülern. „Man kann sogenannte Time-out-Klassen nicht einfach anordnen, ohne nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.“

Diese Meinung vertritt auch Kompatscher. „Man wird sehen müssen, dass wir geschultes Personal für die Bekämpfung des Problems bekommen. Entweder durch Umschichtungen oder durch zusätzliche qualifizierte Mitarbeiter.“

„Training“ und „Time-out“

Bezüglich Time-out-Klassen schwebt dem Inspektor ein differenziertes System vor. „Es sollte an jeder Schule eine Art Trainingsraum geben. Und zwar für Schüler, die in ihrer Klasse außer Kontrolle geraten sind und kurzfristig eine andere Umgebung haben sollten. Der Trainingsraum wird von einem Lehrer geführt. Ein Gespräch mit jenem Lehrer, mit dem das Kind Probleme hatte, sollte gleich darauf stattfinden. Da kann sich schnell auch alles wieder einrenken und man bräuchte nicht sofort Psychologen oder Sozialarbeiter.“

Für schwierigere Fälle schlägt Kompatscher eine wirkliche Time-out-Klasse vor. „Da reicht vielleicht eine einzige Klasse dieser Art pro Kommune und Schultyp. Sie befindet sich an einer der Mittelschulen bzw. Volksschulen im Ort. Dort würde es dann aber auch Spezialpersonal wie Psychologen oder Sozialarbeiter brauchen.“

Kompatscher ist überzeugt davon, dass nicht alle Pädagoginnen und Pädagogen über ihre Erlebnisse mit Gewalt oder Drohungen reden. „Es trauen sich viele nicht zuzugeben, dass sie solche Dinge erfahren haben und so praktisch einzuräumen, eine Klasse nicht im Griff zu haben. Gott sei Dank tun es aber immer mehr.“

„Es trauen sich viele Lehrer oft nicht zuzugeben, dass sie Gewalt erfahren haben.“