Schullandesrätin Schöbi-Fink: Lehrer sollten sich trauen, Gewalt anzuzeigen

Vorarlberg / 15.05.2019 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Barbara Schöbi-Fink fordert die Lehrer dazu auf, sich Respektlosigkeiten nicht gefallen zu lassen. VN/Steurer
Barbara Schöbi-Fink fordert die Lehrer dazu auf, sich Respektlosigkeiten nicht gefallen zu lassen. VN/Steurer

Bei Gewalt in der Schule müssen die Unterstützungssysteme sofort greifen, betont Barbara Schöbi-Fink.

Schwarzach Das Video von den Handgreiflichkeiten zwischen Schülern und einem Lehrer an der HTL Ottakring in Wien hat Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink (58) schwer erschüttert. Im VN-Interview spricht sie über den Umgang mit Gewalt an den heimischen Schulen und unterstützt Bildungsminister Heinz Faßmann in seiner Ansicht, Schulen nicht die alleinige Kompetenz für Ausschlüsse renitenter Schüler zu geben.

Wie haben Sie als Vorarlberger Schullandesrätin die Gewaltvorfälle an einer HTL in Wien aufgenommen?

Ich war schockiert zu sehen, wie weit die beiderseitige Respektlosigkeit gehen kann. Fast noch mehr hat mich der Umstand entsetzt, dass so etwas ungerührt mitgefilmt und dann ins Netz gestellt wird.

Sollten Schulen selbst entscheiden dürfen, ob sie einen Schüler ausschließen?

Die Schulen sind am nächsten dran, gewiss. Trotzdem ist es zum Schutz der Schülerinnen und Schüler als auch für die Schule wichtig, dass noch eine andere Instanz von außen in die Entscheidung miteinbezogen wird.

Wie oft sind Gewalt und Aggression Thema in Bildungskreisen, und was wird Ihnen da berichtet?

Ich weiß, dass es auch bei uns im Land zu Konflikten zwischen Schülern und Lehrpersonen, sowie Schülern als auch Lehrern untereinander kommt. Ein vergleichbarer Fall wie jener von Wien ist mir allerdings nicht bekannt. Wichtig ist, dass die Unterstützungssysteme schnellstmöglich greifen und präventive Maßnahmen gesetzt werden. Der Wiener Fall hat dieses wichtige Thema wieder in den Vordergrund gerückt.

Sind die Instrumentarien und Einrichtungen für aggressive bzw. nicht klassenkompatible Schüler in Vorarlberg ausreichend?

Die Präventionsarbeit wurde in den letzten Jahren stark ausgebaut. Darin eingebunden sind schulinterne Systeme sowie auch Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter, Social Networker, Beratungslehrpersonal und Kriseninverventionslehrerinnen und -lehrer. Das Land stellt den Pflichtschulen zudem über den Erschwernispool zusätzliche Stunden zur Verfügung. Auch bieten außerschulische Einrichtungen, wie beispielsweise die Polizei, Supro oder die Offene Jugendarbeit, Workshops für Schüler, Fortbildung für Lehrpersonen und Programme zur Stärkung der Klassengemeinschaft und zum sozialen Lernen an. Seit diesem Schuljahr gibt es auch eine Mobbing-Koordinationsstelle

Viele Lehrer trauen sich nicht, Gewaltvorfälle in ihren Klassen zuzugeben. Was sagt Ihnen das?

Ich möchte sie dazu ermutigen, sich an den Schulleiter, die Schulleiterin oder die Mobbing-Koordinationsstelle zu wenden. Wenn Lehrpersonen Gewalt erfahren, dann ist das kein Grund, sich zu schämen. Es sagt nichts über die Qualität des Unterrichts oder ihrer Fachkompetenz aus. Die Ursachen für Gewalt sind oft woanders.

Es gibt Lehrer, die von der Bekämpfung der Aggression als gesamtgesellschaftlicher Herausforderung sprechen. Sehen Sie das auch so?

Durch die gesellschaftlichen Veränderungen hat die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben wahrzunehmen. Kinder erhalten über soziale Medien viel leichter Zugang zu gewalttätigen Inhalten, was immer das für ihre Entwicklung bedeuten mag. Schulen stehen vor der schwierigen Aufgabe, Grenzen setzen zu müssen. Das erfordert eine starke Beziehungsarbeit.

„Wenn Lehrpersonen Gewalt erfahren, dann ist das kein Grund sich dafür zu schämen.

Barbara Schöbi-Fink, Schullandesrätin

An welchen Schulen bzw. Schultypen gibt es die meisten erfassten Vorfälle im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten?

In Vorarlberg gab es im vergangenen Schuljahr 24 Fälle, bei denen die Polizei an die Schule gekommen oder es zu einer strafrechtlichen Anzeige gekommen ist. Der Schultyp wird kriminalstatistisch nicht erfasst.

Sollte das Thema Gewalt in Schulen aufgrund der Aktualität grundsätzlich auch bei uns noch einmal genauer beleuchtet werden?

Das Land befindet sich in ständigem Austausch mit der Bildungsdirektion und der Schulaufsicht. Diese befindet sich laufend in der Ausarbeitung verschiedenster Maßnahmen und unterstützt Lehrerinnen und Lehrer sehr gut. Christian Kompatscher ist unter anderem auch in der Arbeitsgruppe von Bundesminister Faßmann vertreten.

Was halten Sie von Time out-Klassen?

Sie sind ein diskussionswürdiger Vorschlag. Die Erfahrungen in der Schweiz mit einem ähnlichen Modell haben gezeigt, dass dies ein gangbarer Weg ist. Bei allen Bemühungen um den aggressiven Schüler dürfen wir die Klassengemeinschaft nicht vergessen, die durch das andauernde aggressive Verhalten eines Schülers durchaus auch belastet wird. Ich warte aber auf das konkrete Konzept, und dann interessiert mich vor allem die Einschätzung der Experten.

Was sollten sich Lehrer Ihrer Meinung nach gefallen lassen müssen und was nicht?

Respektlosigkeit jeder Art müssen sich die Lehrpersonen nicht gefallen lassen. Sie haben hier die Rückendeckung der Schulaufsicht, der Bildungsdirektion und von mir.