Auf dem Weg zur ersten Kanzlerin

Vorarlberg / 01.06.2019 • 07:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Moritz Moser

Österreich erhält mit Brigitte Bierlein seine erste Bundeskanzlerin. Wenn sie auch nur für wenige Monate im Amt bleiben wird, ist es doch ein historisch bemerkenswerter Vorgang. Es ist nicht lange her, als man Frauen in der Politik wenig bis nichts zutraute. Kreisky soll auf die Frage, warum er nach dem Abgang von Hannes Androsch nicht Herta Firnberg als Vizekanzlerin nominiert habe, nur geraunt haben: „Alt bin i selber.“ Die Vorurteile gegen Politikerinnen saßen tief. Vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden Medien und Männer nicht müde, vor dem Einfluss der Frau auf das Staatswesen zu warnen. Das weibliche Geschlecht treibe „die Lust am persönlichen Eingreifen und der Hang zur Intrigue“ an, sich politisch zu engagieren, warnte die Zeitung „Der Humorist“ 1858. Die Frauen seien zu abstraktem politischen Denken aber ohnehin unfähig und könnten „das Allgemeine immer nur in seiner Abspiegelung im Einzelnen“ erfassen.

Gerade konservative Parteien standen dem weiblichen Engagement in der Politik lange kritisch gegenüber. Und das, obwohl mit der christlichsozialen Vorsitzenden des Bundesrates, Olga Rudel-Zeynek, 1927 weltweit erstmals eine Frau an der Spitze einer Parlamentskammer stand und die ÖVP 1966 mit Grete Rehor die erste österreichische Ministerin nominierte. Die Christlichsozialen erhielten auch regelmäßig mehr Stimmen von Frauen als von Männern, zum Leidwesen der emanzipatorischen Sozialdemokratie. Deren Parteiblatt „Arbeiterwille“ machte 1930 daher den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, die Schwarzen sollten doch eine Bundeskanzlerin aufstellen, wenn sie schon so viele Frauenstimmen bekämen. Eine weibliche Regierungschefin war damals allerdings nicht nur für die Konservativen unvorstellbar, auch wenn in deren Dunstkreis am häufigsten gegen Frauen in der Politik schwadroniert wurde. Das christlichsoziale Vorarlberger Volksblatt berichtete beispielsweise 1924 voll Freude über die Ausführungen eines Bischofs anlässlich der Hauptversammlung der katholischen Frauenvereine in Dornbirn: Auch wenn unter den Mädchen „einzelne Begabte und Berufene“ ruhig studieren dürften, gehe die allgemeine Entwicklung doch in eine andere Richtung: „Alles drängt zur Hauswirtschaft und Familienpflege zurück.“ Das weibliche Geschlecht, so der Tenor des Volksblattes und des Geistlichen, sei Männerberufen einfach nicht gewachsen. „In der Betätigung der Frauen in der Politik ist zu beobachten, daß es den Frauen nirgends gelang, in den öffentlichen Körperschaften sich gegenüber den Männern durchzusetzen und daß unter den Anforderungen dieser Berufstätigkeit die Frau in kurzer Zeit auch physisch zugrundegehe.“ Mittlerweile haben viele Frauen erfolgreich das Gegenteil bewiesen.