Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Betroffenheit

Vorarlberg / 06.06.2019 • 11:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die allgemeine Empörung nach Bekanntwerden des Ibizavideos ist zurecht groß und das ist gut so. Die Menschen sind – eine Wiedergabe der öffentlichen Bekundungen zeigt dies eindrucksvoll – fassungslos, betroffen, zutiefst enttäuscht, angewidert, im Innersten erschüttert und mögen es nicht glauben. Einige müssen sich fortlaufend übergeben, können mit dem Kopfschütteln nicht mehr aufhören oder liegen seither nächtelang wach. Manche schämen sich, überhaupt noch Österreicher zu sein, sie trauen sich nicht einmal mehr ins Ausland. Erstaunlich viele haben es immer schon gewusst, uns aber vorher nichts gesagt. Wieder andere konnten den wahren Schuldigen sofort identifizieren: nicht den Video-Protagonisten, sondern einen politischen Gegner, dem sie bisher nicht beikommen konnten. Ganz  wenige haben sogar den Mut, sich zu einem in dieser aufgeheizten Stimmung nicht gefragten, aber wahrhaft menschlichen Gefühl zu bekennen: zu Mitleid mit den weltweit angeprangerten Tätern.

Die öffentlich demonstrierte Betroffenheit wird von vielem überlagert: von Frustrationsabbau, Gekränktheit, Genugtuung, Sensationsgier und  Schuldverschiebung, von Rachebedürfnis und Neid. Ein wahrhaftigeres Bild über die Gefühlslage der Menschen gibt dann wohl das Wahlverhalten. Hier kann man ganz für sich, außerhalb des allgemeinen Empörungsdrucks, seine ureigene Beurteilung abgeben. Und da zeigt sich in der Europawahl, dass der Hauptbeschuldigte enorm viel Zuspruch erhalten hat. Dahinter stehen wohl bedingungsloses Parteigängertum, Treue gerade in schwierigen Zeiten, Trutzburghaltung und „Jetzt erst recht“-Mentalität. Eine Rolle mag wohl mit gespielt haben, dass die „bsoffene Gschicht“, die sich im Video auch (die Betonung liegt auf „auch“!) gezeigt hat, vielen von uns im Kleinen und in weniger verwerflicher Art nicht ganz unbekannt ist: Es wird als „menschlich, ja allzu menschlich“ interpretiert. Psychologisch dürfte aber wohl ein besonderer unbewusster Mechanismus mitgewirkt haben, den man als „Identifikation mit dem Aggressor“ bezeichnet: Die eigene Angst wird unterdrückt, indem man dem Angstauslöser ein gewisses Verständnis, ja sogar Zustimmung entgegenbringt. Dies hat bereits bei der letzten US-Präsidentenwahl bestens funktioniert. Als drei Wochen vor dem Termin gegen Donald Trump massive Vorwürfe sexuellen Missbrauchs publik geworden sind, waren sich alle Kommentatoren über den definitiven Absturz des Kandidaten einig. Wie die Wähler tatsächlich reagiert haben, ist hinlänglich bekannt.