Keine Lust auf Pensionisten-Idylle

11.07.2019 • 16:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Seit 54 Jahren wirkt und werkt der Koblacher nun schon in Amazonien.

Koblach Erwin Kräutler war 26 und ein junger Priester, als er an den Xingu reiste. Mittlerweile sind 54 Jahre ins Land gezogen, aber Erwin Kräutler ist immer noch in Amazonien. Sein Eintreten für die Rechte der indigenen Bevölkerung wurde für den mittlerweile emeritierten Bischof aus Koblach zu einer Lebensaufgabe. Heute wird Kräutler 80. Den Geburtstag feiert er bei „seinen“ Leuten. „Alles andere hätten sie nicht verstanden“, sagt der leutselige Geistliche.

 

Ist das Alter für Sie eine Belastung?

Kräutler Nein, ich sage immer, Alter ist angehäufte Jugend. Wir können viel mehr erzählen als junge Leute und haben Erfahrung. Das heißt aber nicht, dass wir über den Jungen stehen. Sie müssen ihr Leben jedoch erst noch bewältigen, wir haben ein großes Stück davon schon bewältigt.

 

Sie sehen Ihre 80 Lebensjahre demnach auch nicht als Mahnung, etwas kürzer zu treten?

Kräutler Dass ich das tun soll, sagt mir immer jemand, und in gewisser Hinsicht befolge ich das sogar. Ich mache beispielsweise nicht mehr so viele Vorträge. Früher, wenn ich in Vorarlberg war, hatte ich beinahe jeden Tag einen Termin. Das geht nicht mehr. Auch ich muss auf meine Gesundheit achten.

 

Wie lange wollen Sie noch in Brasilien bleiben?

Kräutler So lange der liebe Gott mir Energie und Gesundheit schenkt, so lange mache ich weiter. Offiziell bin ich zwar Emeritus, ich kann mir jedoch nicht vorstellen, jetzt ein idyllisches Pensionistendasein zu führen. Das geht einfach nicht. Ich bin mein Leben lang für die Menschen am Xingu eingetreten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, und sie mögen mich auch. Deshalb möchte ich mich noch nicht absetzen.

 

Wie sieht die Bilanz Ihrer Arbeit aus?

Kräutler Sehr positiv. Natürlich fragen mich die Leute, ob es nicht frustrierend ist, gegen etwas wie das Kraftwerk Belo Monte zu kämpfen und dann zu verlieren, aber als Bischof und als Christ ist es meine Aufgabe, für die betroffenen Menschen einzustehen, damit ihre Würde gewahrt bleibt. Das größte Erfolgserlebnis in diesem Zusammenhang war, dass wir die indigenen Rechte in die brasilianische Verfassung gebracht haben.

 

Ist damit ihre Einhaltung gewährleistet?

Kräutler Das ist ein anderes Problem. Papier nimmt viel an.

 

Wie gefährlich ist es für Sie, am Xingu zu leben?

Kräutler Ich stehe inzwischen seit 13 Jahren unter Polizeischutz. Ich kann selbst schwer einschätzen, wie gefährlich die Lage immer noch ist, und ich habe den Schutz auch nicht erbeten. Es ist die Regierung, die ihn ständig verlängert.

 

Was steckt dahinter?

Kräutler Vielleicht die Angst, mir könnte tatsächlich etwas passieren. Ein Bischof ist doch ein anderes Kaliber (lacht). Auch die österreichische Botschaft hat sich immer für meinen Schutz eingesetzt, das muss ich lobend erwähnen.

 

Welchen Eindruck haben Sie vom neuen Präsidenten Bolsonaro?

Kräutler Das ist eine ganz schwierige Situation. Bolsonaro ist ein rechtsextremer Populist, und gerade in den Anliegen, die wir immer verteidigt haben, wie zum Beispiel Amazonien und die indigenen Völker, hat er ganz andere Visionen. Er möchte Amazonien für ausländische Unternehmen erschließen. Wenn das passiert und Amazonien zerstört wird, hätte das auch Konsequenzen für die nördliche Halbkugel, denn Amazonien hat eine enorme klimaregulierende Wirkung.

 

Haben Sie ihn schon kennengelernt?

Kräutler Persönlich? Nein, und es besteht von meiner Seite aus auch absolut kein Bedürfnis, ihn kennenzulernen.

Im Herbst wird es eine Amazonien-Synode geben. Was erwarten Sie sich davon?

Kräutler Ich hoffe, dass wir einen Schritt weiterkommen. Eines der größten Probleme in dieser Region sind die eucharistielosen Gemeinden. Auch sie haben das Recht, jeden Sonntag eine Messe zu feiern. Deshalb werden die Zugangsmöglichkeiten zum Weihepriestertum auch für Frauen sicher ein Thema bei der Synode sein, denn warum sollen Frauen nicht auch die Weihe erhalten, um Messen zu feiern? Dass dies nur zölibatäre Männer tun dürfen, ist nicht einsichtig.

 

Hierzulande behilft man sich mit Pfarrverbänden …

Kräutler Das ist eine Palliativlösung.

 

Wäre das Weihepriestertum auch bei uns denkbar?

Kräutler Eindeutig, es wird auch kommen, denn die Schaffung von Pastoralräumen bedeutet für die derzeit tätigen Priester angehäufte Verantwortung. Ich weiß nicht, wie lange sie das durchstehen.

 

Warum tut sich die Kirche so schwer mit Geschlechtergerechtigkeit?

Kräutler Das frage ich mich auch. Leider habe ich keine Antwort darauf. Auf keinen Fall darf die Frau zum Notnagel werden, das wäre demütigend und diskriminierend.

Stationen eines bewegten Lebens: Erwin Kräutler auf Heimaturlaub (oben), bei der Verleihung des Alternativen Nobelpreises (r.) und als streitbarer Geist, der er im Sinne der indigenen Völker immer noch ist. vn/stiplovsek, archiv
Stationen eines bewegten Lebens: Erwin Kräutler auf Heimaturlaub (oben), bei der Verleihung des Alternativen Nobelpreises (r.) und als streitbarer Geist, der er im Sinne der indigenen Völker immer noch ist. vn/stiplovsek, archiv

Zur Person

Alt-Bischof Erwin Kräutler

hat sein Wirken dem Schutz der indigenen Bevölkerung gewidmet

Geboren 12. Juli 1939 in Koblach

Ausbildung Matura, Studium der Theologie und Philosophie in Salzburg, 1965 Priesterweihe 

Laufbahn seit 1965 in Brasilien tätig, 1981 bis 2015 Bischof der Diözese Altamira-Xingu, 1992 mit dem Toni-Russ-Preis ausgezeichnet, Buchautor, im August erscheint „Erneuerung jetzt“, Impulse zur Kirchenreform aus Amazonien, Tyrolia-Verlag