Bildhauer Christoph Lissy: „Als ich in den Nahtod fiel“

Vorarlberg / 25.07.2019 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christoph Lissy vor einem seiner Exponate. Im Hintergrund sieht man den Engel, dem er begegnete. KUM

Der Bildhauer Christoph Lissy erlitt 2006 eine Hirnblutung. Im Koma erlebte er eine Nahtod-Erfahrung, die sein Leben veränderte.

Hörbranz Ab seinem 18. Lebensjahr überfiel ihn jeden Tag zwischen 17 und 18 Uhr Todesangst. „Mich überkamen Panikattacken, weil mir bewusst wurde, dass ich dem Tod nicht auskomme, dass er kommen und mich holen wird.“ Bildhauer Christoph Lissy (61) glaubt, dass er wegen seiner fürchterlichen Todesangst Künstler wurde. „Das war die Hauptantriebsfeder. Ich dachte mir: ,Ich bin verloren, wenn nichts von mir bleibt.‘“ Um die Angst vor dem Tod zu kompensieren, schuf er Kunstwerke aus Stahl. Die Todesangst war über Jahrzehnte seine ständige Begleiterin.

„Er wird zum Pflegefall“

Aber am 23. November 2006 verschwand sie so abrupt wie sie gekommen war. Gleichzeitig mit ihr ging auch seine Lebensangst. An diesem Tag platzte in Lissys Kopf eine Hauptarterie. Der Künstler fiel ins Koma. Die Ärzte gaben ihm keine Chance mehr und sagten zu seiner Frau Nicole: „Verabschieden Sie sich von ihrem Mann, er wird sterben.“ Doch Nicole bat ihren Mann, bei ihr und dem gemeinsamen Sohn Ludwig zu bleiben. „Bleib da, gehe nicht weg von uns“, flüsterte sie ihm eindringlich ins Ohr. Auf ihre Anweisung hin brachte ein Hubschrauber Lissy in ein anderes Spital. Dort wurde er notoperiert. Nach der OP wurde seiner Frau mitgeteilt: „Ihr Mann ist außer Lebensgefahr. Aber er wird ein Pflegefall sein und nie mehr arbeiten können.“

„Mich überkam ein gewaltiges Glücksgefühl. Es war so schön, dass es sich jeglicher Sprache entzieht.“

Christoph Lissy, Bildhauer

Lissy Erinnerungen an das dramatische Geschehen sind andere. Er fiel damals, wie er sagt, in den Nahtod. „Ich stand plötzlich in einem lichtdurchfluteten Raum. Dort überkam mich ein gewaltiges Glücksgefühl. Es war so schön, dass es sich jeglicher Sprache entzieht.“ Aber das war noch nicht alles, was ihm widerfuhr:  „Ein Bote des Herrn stand vor mir. Er hat mir mein sündiges Leben gezeigt und mich darauf hingewiesen, dass ich mich nicht gut um mich selbst gekümmert habe.“ Damit hatte die Lichtgestalt völlig recht, denn vor dem Nahtoderlebnis lebte der Künstler sehr ungesund. Er rauchte, trank und arbeitete zu viel. Das kulminierte schließlich darin, dass er sich nur noch schlecht fühlte, nicht mehr schlafen konnte und sein Blutdruck schwindelerregende Höhen erreichte. „Kurz bevor die Arterie platzte, hatte ich einen Blutdruck von 290 zu 180.“

„Im Jenseits erwartet uns nur Schönes“

Lissy glaubt, dass er mit einem Fuß bereits im Jenseits war. „Dort erwartet uns nur Schönes. Wir kommen ins Licht und werden all unsere Lieben treffen.“ Er sieht es als seine Verpflichtung an, der Welt zu sagen, dass man sich vor dem Tod nicht fürchten muss. „Sterben ist das Schönste, was es gibt. Uns passiert nichts. Es ist ein liebender Gott. Ich habe seine Liebe erfahren.“

Lissy wollte im Jenseits bleiben. „Ich wollte nicht in den Körper zurück. Denn das Leben ist hart und ein Kampf. Aber der Engel schickte mich zurück. “ Das Zurückkommen war schwer für ihn. „Wenn man im Licht gestanden ist, will man dort bleiben.“ Nach seiner „Wiederauferstehung“ änderte sich seine Sicht aufs Leben aber grundlegend. „Früher war ich pessimistisch. Heute freue ich mich über jeden neuen Tag. Nun liebe ich das Leben.“

Vor dem Nahtod-Erlebnis war er ein Gottsuchender, danach ein Bekehrter und Geläuterter. „Heute glaube ich nicht an Gott. Heute weiß ich, dass es ihn gibt. Denn er ist mir begegnet.“ Seine aktuelle Ausstellung im Vorarlberg Museum ist nicht nur eine Hommage an seine acht Väter. „Mit ihr preist meine Seele auch die Größe des Herrn.“ In der Schau kommt auch seine große Dankbarkeit zum Ausdruck. Lissy erholte sich nach der Hirnblutung vollständig. Er ist heute weder körperlich noch geistig beeinträchtigt – zum Erstaunen der Ärzte. Für sie ist Lissy ein neurologisches Wunder. Auch seine Schaffenskraft als Bildhauer litt nicht. „Seltsamerweise ist seither auch meine Sprachhemmung weg. Jetzt kann ich ohne Probleme vor Hunderten Menschen eine Vernissage-Rede halten.“ Weg ist auch seine Todesangst, die ihn jahrzehntelang quälte. Deshalb möchte er keine Sekunde lang in sein altes Leben zurück.  

Christoph Lissy: Meine acht Väter. Die Ausstellung mit Bildskulpturen im Vorarlberg Museum in Bregenz läuft noch bis zum 1. September 2019.