Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Eine Kreuzfahrt

15.08.2019 • 12:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Mann und Frau ließen sich nach zehn Jahren scheiden, dann aber heirateten sie wieder und zu ihrer zweiten Hochzeit schenkten sie einander eine Kreuzfahrt. So ein Schiff ist eine Luxusstadt, alles gibt es dort und nur das Beste, und wer zweimal die gleiche Frau, den gleichen Mann heiratet, der hat das Beste verdient. Die Eheleute fühlten sich wie Auserwählte, aber das Glück währte nicht lang.

Als sie beinahe alles durchprobiert hatten, von den Sportanlagen bis über das Spielcasino, die Bars und den Ballsaal, sagte der Mann, ach, wenn es nur schon vorbei wäre, und die Frau fragte, wie viele Stunden sind es noch. Beinahe tausend, sagte ihr Mann. Von da an zählten sie. Jeder für sich. Die Kreuzfahrt hatte sehr viel gekostet, das ganze Ersparte hatten sie verbraucht, und jetzt musste einfach alles wunderbar sein.

„Das Ehepaar sollte im nächsten Hafen vom Schiff verwiesen werden.“

In der Nacht träumte die Frau, ertrunkene Flüchtlinge hätten sich am Schiff festgeklammert und wären hinaufgeklettert. Sie hätten sich zu ihnen ins Zimmer gedrängt und von ihrer Drangsal berichtet.

Am Morgen erzählte die Frau dem Mann von ihrem Traum, sie sagte, wir müssen allen Leuten auf dem Schiff von der Drangsal berichten, ich habe es diesen Menschen versprochen. Wirst du mir zur Seite stehen? Der Mann, der seiner Frau keine Bitte abschlagen wollte, sagte ihr zu.

Bereits beim Frühstücksbuffet erzählte die Frau einem Mann, der gerade dabei war, verschiedene Törtchen auf seinen Teller zu laden, von ihrem Traum, aber so, als wäre alles in Wirklichkeit passiert. Der Mann wurde ärgerlich und sagte, wie um Himmelswillen sollen Tote in Ihr Zimmer gelangen? Aber sie, mit großer Überzeugung, sagte, es waren die Geister, er solle es einfach glauben. Dieser Mann mit den Törtchen hatte keinen Appetit mehr, und er erzählte seiner Frau von dem Vorfall. Die wurde sehr zornig und sagte, sie lasse sich die Reise nicht verderben, sie werde sich beim Kapitän beschweren. Ihrem Mann aber erschienen in der folgenden Nacht dieselben Geister, und auch er versprach ihnen, den Menschen zu berichten. Es machte die Runde, es gab die einen, die nicht hören wollten, und die anderen, die von den Geistern heimgesucht wurden.

Der Kapitän machte die Schuldigen ausfindig. Das Ehepaar sollte im nächsten Hafen vom Schiff verwiesen werden.

Es kam, dass die Geister auch dem Kapitän in der Nacht an seinem Bett erschienen. Eine Frau war es mit einem Kind auf dem Rücken, eines im Arm, eines am Rockzipfel. Sie standen vor dem Kapitän und schauten ihn an. Ja, sagte er, ich werde mich darum kümmern. Am nächsten Morgen begrüßte er wie jeden Tag die Gäste und erzählte, was ihm, immerhin dem Kapitän, widerfahren war.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.