Andreas Eberle: Ein Beispiel für gelungene Integration

Vorarlberg / 07.10.2019 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Andreas Eberle an seinem geschützten Arbeitsplatz in der Buchbinderei der Landesbibliothek. kum

Andreas Eberle ist behindert und krank. Sein Leben meistert er trotzdem bravourös.

Buch Als behinderter und kranker Mensch hätte er am Leben verzweifeln können. Doch stattdessen hat Andreas Eberle (51) das Beste aus seinem Leben gemacht. Dass ihm das gelang, liegt nicht nur an ihm und seiner positiven Lebenseinstellung. Es hat auch damit zu tun, dass er aus dem 592-Seelen-Ort Buch kommt und Eltern hatte, die sich gut um ihn kümmerten.

Andreas kam mit dem Marfan-Syndrom zur Welt. Das ist eine unheilbare und fortschreitende Krankheit des Bindegewebes. Die Krankheit bzw. Gewebsschwäche manifestiert sich hauptsächlich am Skelett, an den Augen, am Herzen und an den Gefäßen. Andreas leidet von Geburt an an einer Fußfehlstellung. Wegen seiner Hackenfüße konnte er als Kind nicht auf Bäume klettern oder mit den Nachbarskindern Fangen spielen. Ausgegrenzt fühlte er sich deswegen aber nicht. Denn die Kinder von Buch bezogen ihn oft in ihre Spiele ein und hänselten ihn nie wegen seiner Behinderung. Um überhaupt gehen zu können, benötigt Andreas orthopädische Schuhe. Richtig aufrecht gehen kann er nicht. Denn seine Wirbelsäule krümmt sich in Richtung Lunge. Deswegen musste er jahrelang ein Stützkorsett tragen.

Eine zweite Chance bekommen

Andreas leidet auch an einer Sehschwäche, die es ihm verunmöglicht, ein Auto zu steuern. An einem Auge sieht er gar nichts. Am anderen hat er ein Sehvermögen von lediglich 20 Prozent.

Im Jahr 2000 hätte ihn die Erkrankung fast das Leben gekostet. Die Hauptschlagader war kurz vor dem Platzen. Man konnte sie gerade noch rechtzeitig ersetzen. Aber nach der OP war Andreas so schwach, dass er nicht mehr gehen konnte. Erst nach einem Monat kam er wieder auf die Beine. Seither lebt er bewusster und mit einer Haltung innerer Dankbarkeit.

„Das Leben ist lebenswert. Es gibt mehr Schönes als Schlechtes. Man muss es nur sehen.“

Andreas Eberle, Buchbinder

Vor zwei Jahren musste er den Tod seiner Eltern verkraften. Sie starben kurz hintereinander. „Ohne sie ist das Leben leerer“, sagt er, fügt aber im selben Atemzug hinzu: „Trotzdem ist das Leben lebenswert. Es gibt mehr Schönes als Schlechtes. Man muss es nur sehen.“ Andreas erinnert sich gerne und voller Dankbarkeit an seine Eltern. „Sie haben gut auf mich geschaut und wollten immer nur das Beste für mich.“ Als Kind ermöglichten sie ihm den Besuch des Schulheims Mäder und einer Spezialschule für Sehbehinderte und Blinde in der Schweiz. Obwohl der Bub nur sporadisch nach Hause kam, war er in seinem Heimatort gut integriert. Das lag unter anderem daran, dass seine Eltern das Dorfgasthaus betrieben. „Bei uns gingen viele Menschen ein und aus. Deshalb kannte ich alle Leute im Ort.“

Verantwortung und Arbeit nie gescheut

Der Anschluss an die Dorfgemeinschaft ging auch später nicht verloren. Denn Andreas mischte immer rege im Vereinsleben mit. Zehn Jahre gehörte der Klarinettenspieler dem Musikverein Buch als aktives Mitglied an. Der Pfarrgemeinderat kürte den tiefgläubigen Mann sogar zum Obmann. Die Tätigkeit als Mesner gab er deswegen aber nicht auf. Dieser Dienst für die Allgemeinheit ist ihm wichtig. Auch das „Krippala“ hat für ihn einen hohen Stellenwert und macht ihm Freude. Seit 1986 baut der handwerklich geschickte Mann Krippen. Und gibt Kurse. Den dazugehörigen Verein gründete er 1999. 

Verantwortung und Arbeit hat Andreas nie gescheut. Auch an seinen geschützten Arbeitsplatz in der Buchbinderei der Landesbibliothek in Bregenz geht der 51-Jährige jeden Tag mit Freude. „Diese Arbeit ist ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Buchbinder werde und den Lehrabschluss nachhole.“ Das Schicksal bescherte ihm seinen Traumberuf, aber keine eigene Familie. „Ich bin eher scheu und habe mich immer gefragt, ob meine Behinderung einer Partnerin zumutbar ist.“ Andreas ist zwar Junggeselle, aber nicht einsam. Seine Geschwister und sein Patenkind kommen regelmäßig zu ihm auf Besuch. Außerdem funktioniert in Buch die Dorfgemeinschaft noch: „Wenn ich durch den Ort gehe, werde ich oft spontan zum Kaffee eingeladen. Man kennt einander und hilft sich gegenseitig.“ Sein Heimatort bedeutet ihm viel. „Ein Glück, dass er so klein ist. In einer Stadt wäre ich nicht das, was ich heute bin. Dort wäre ich wahrscheinlich vereinsamt und wegen meiner Behinderung diskriminiert worden.“