„Ich fühle mich immer noch als Gsiberger“

Vorarlberg / 10.11.2019 • 18:39 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Günter Bischof ist in den USA ein renommierter Historiker.VN/Hartinger
Günter Bischof ist in den USA ein renommierter Historiker.VN/Hartinger

Der in den USA lebende Uniprofessor gewinnt Wissenschaftspreis.

Mellau Sehr geehrt fühlt sich der 66-jährige Historiker, der an der University of New Orleans unterrichtet, dass man ihn, „den verlorenen Sohn“, heute mit dem Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg auszeichnet. Bischof nimmt die USA als tief gespaltenes Land wahr und hofft, dass sich das nach der nächsten Präsidentschaftswahl in einem Jahr ändert.

 

Was bedeutet Ihnen der Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg?

Bischof Er bedeutet mir sehr viel. Ich hätte nicht gedacht, dass man mich, einen „verlorenen Sohn“, im Blickfeld behält. Der Preis freut mich auch für die vielen Vorarlberger Studenten, die über die Jahre via Uni Innsbruck an der Universität New Orleans studiert haben.

 

Sie leben seit über 30 Jahren in den USA. Wie sehr fühlen Sie sich noch als Vorarlberger?

Bischof Ich fühle mich immer noch als „Gsiberger“. Ich besuche jedes Jahr meine im Bregenzerwald lebenden Geschwister. Ich habe dabei oft meine Familie mitgebracht. Alle meine drei Kinder haben Deutsch gelernt, unsere Tochter Andrea kann sogar Wälderisch, da sie in Bezau ein Semester die Hauptschule besucht hat.

 

Wie haben Sie von dieser Auszeichnung erfahren und was war Ihre erste Reaktion?

Bischof Ich wurde bereits im Juni verständigt und gefragt, ob ich auch auf die Verleihung komme. Aus den oben angeführten Gründen wollte ich mir das nicht entgehen lassen.

 

Sie sind als Historiker in New Orleans tätig und beschäftigen sich intensiv mit Geschichte und Gegenwart der USA. Wie sieht in Kurzform eine Zustandsbeschreibung des Amerikas der Gegenwart aus?

Bischof Die USA ist im Inneren tief gespalten und politisch durch den Konflikt des demokratischen Repräsentantenhauses und des republikanischen Weißen Hauses kaum mehrheitsfähig. Im Äußeren zerstört Trump durch seine Handelspolitik und seine Außenpolitik im Nahen Osten und Europa die Vormachtstellung der USA in der Welt. Wir beobachten gerade täglich das Ende des amerikanischen Jahrhunderts. Die amerikanische Demokratie ist kein mustergültiges Vorzeigeexemplar mehr wie im 20. Jahrhundert.

 

Wie sehr hat Donald Trump Amerika verändert?

Bischof Außenpolitisch hat Trump die liberale Weltordnung, die von der Hegemonialmacht USA nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, gerade außer Kraft gesetzt. Unter dem Trump-Regime wollen die USA nicht mehr Weltpolizist spielen, und so verliert das heutige Amerika seine bisher führende Weltmachtrolle. Aktuelles Beispiel dafür ist Syrien. Innenpolitisch hat Trumps raue Sprache das Land tief gespalten und polarisiert. Er wird schwer, diese Gräben zu überwinden. Seine vielen Ernennungen von Richtern auf allen Gerichtsebenen werden seine reaktionäre Politik auf viele Jahre einzementieren.

 

Was stimmt Sie dennoch optimistisch?

Bischof Die USA sind trotz der zahlreichen Entgleisungen der Trump-Administration als Demokratie erneuerbar und haben in ihrer Geschichte gezeigt, dass das Land fähig ist, an seinen Wurzeln zu seinen Werten zurückzukehren.

 

Wie sollte sich Europa im Umgang mit dem jetzigen US-Präsidenten verhalten?

Bischof Viel kritischer als das bisher geschehen ist, gerade in Fragen wie dem Erhalt der NATO, der Intensivierung der europäischen Integration und dem Festhalten an einer offenen Handelspolitik.

 

Was lieben Sie an den USA?

Bischof Dass das Land bisher sehr weltoffen war und Immigranten wie mich akzeptiert. Wenn man die Sprache des Landes beherrscht, kommt diese Akzeptanz. Für Leute wie mich, die die Staatsbürgerschaft erwerben und den Amerikanern ihre eigene Geschichte beibringen, gilt das noch mehr.

 

Ihr Meisterstück als Historiker war die Forschungsarbeit über den Marshall-Plan, der dem zerstörten Europa nach dem Krieg wesentlich beim Wiederaufbau geholfen hat.

Bischof Der Marshallplan hat mich 30 Jahre beschäftigt. Ich konnte diesbezüglich sogar eine Verbindung zu meiner Heimat herstellen. So haben von den Unterstützungen auch Betriebe und Bergbahnen in Mellau profitiert.

Zur Person

Günter Bischof wurde am 6. Oktober 1953 in Mellau geboren. Nach der Matura studierte er Englisch und Geschichte an der Universität Innsbruck. Es folgten erste Aufenthalte in den USA, wohin es ihn 1982 endgültig verschlug, als er ein Stipendium an der Harvard Universität erhielt. Günter Bischof ist Geschichteprofessor an der Universität New Orleans, wo er auch das Austria Center leitet.