Zum ersten Advent: Zeit des Aufbruchs

Vorarlberg / 01.12.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der langjährige Caritas-Seelsorger Elmar Simma mag den Advent, weil er die Herzen weit macht. TM

Aus Schwertern werden Pflüge? Ob Illusion oder Ziel, das liegt im Auge des Betrachters.

Schwarzach Er hat den Advent immer gemocht. Natürlich weiß auch Elmar Simma (81) um den Einkaufsstress und die glühweinseligen Adventmärkte. „Aber dort geht’s ja nicht nur um Alkohol. Die Menschen treffen sich.“ Sie scherzen und lachen. Sie nehmen sich Zeit. Und der langjährige Caritas-Seelsorger und Vater der Hospizbewegung weiß aus Erfahrung: „Es gibt keine Zeit des Jahres, in der die Menschen so viel Gutes tun wie im Advent.“ Der Advent ist eine Zeit, „in der vieles aufbricht“. Nicht zuletzt die Solidarität.

Bilder der Hoffnung

Deshalb liest er die Texte des ersten Adventsonntags auch mit Vergnügen. „Sie zeigen uns Zukunftsbilder, Visionen, wie es sein wird und weitergehen könnte.“ Der Prophet Jesaja malt starke Bilder vom Ende der Tage: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“
Elmar Simma verkostet diese Sätze ganz bewusst vor dem Hintergrund der Syrien-Krise, vom Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien. Er hat dabei das Säbelrasseln von US-Präsident Donald Trump im Ohr und die Drohungen aus Ankara, täglich liest er über Wirtschaftskriege und Flüchtlingselend. Mitten in diese verstörende Realität hinein stellt das Alte Testament seine prophetische Botschaft, „dass unsere Welt doch nicht im Chaos endet“.

Sind solche Sätze wirklich mehr als Opium für die geplagte Seele? Traumbilder, um für wenige Augenblicke darin auszuruhen? „Diese inneren Bilder sind“, so Simma, „Ausdruck einer großen Sehnsucht, die in uns lebendig ist.“ Die Texte der Bibel appellieren an uns, sie sagen sinngemäß: Am Ende wird alles gut. Die britische Komponistin Anne Quigley hat diesen Gedanken 1992 in ein Kirchenlied gepackt: There is a longing… Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach Dir.“ So einem Sehnen schenkt der Advent Zeit und Raum.

Sich auf den Weg machen

Wenn der Prophet Jesaja schreibt „kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn“, hat Simma die sommerliche Bergmesse auf der Baumgartner Höhe vor Augen. Hunderte Menschen wanderten dem Altar entgegen. So wie jetzt in der winterlichen Dunkelheit Hunderte Vorarlberger zu nachtschlafener Zeit zum Rorate in die Kirche gehen. Der Versuch, die morgendlichen Andachten auf acht Uhr zu verlegen, scheiterte am Widerstand der Gläubigen. „Sie wollen im Dunkeln dem anbrechenden Tag entgegen gehen.“

So atmet der erste Advent Aufbruchsstimmung. Die sonntäglichen Texte nehmen die Menschen überdies in die Pflicht: Sie sollen „aufstehen vom Schlaf“, schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Römer. Jetzt sei das Heil nahe. „Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ Er wird noch konkreter: Sie sollen ohne Ausschweifungen leben, nicht maßlos essen noch trinken, Streit und Eifersucht meiden. Der Evangelist Matthäus setzt noch einen drauf: „Seid wachsam!“, schreibt er, „denn ihr wisst nicht, an welchem Tag Euer Herr kommt.“
In Elmar Simma löst diese Textstelle vor allem Dankbarkeit aus, denn „sie erinnert uns daran, dass nichts selbstverständlich ist“. Die Grenze zwischen dem Leben, das ich selber gestalten kann, und einem Leben in Abhängigkeit „ist so dünn wie die Wand einer Ader“. Mit diesem Gedanken geht man unweigerlich leiser, nachdenklicher und dankbarer in den Advent 2019.

Uralte Sätze neu gelesen

So eine Bibel ist dick. Sie hat je nach Ausgabe fast 2000 Seiten. Für jeden Tag des Jahres holt die Kirche Texte daraus hervor: Für die Lesung, das Evangelium, einen Psalm, ein Gebet. Aber wer versteht das schon? Die Texte sind uralt. Sprechen sie auch außerhalb geweihter Räume? Was sagen sie uns? In der VN-Serie zum Advent haben wir heuer fünf Toni-Russ-Preisträgern die Texte der Sonntage vorgelegt mit der Bitte um Auskunft: Was klingt da in ihnen an?