„Dann wohnt der Wolf beim Lamm“

Vorarlberg / 08.12.2019 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Judaistin Dr. Eva Grabherr empfindet die alten Texte als unverzichtbares Bindeglied. VN/STEURER

Die Texte des zweiten Adventssonntags erzählen, wie sich echte Gerechtigkeit anfühlt.

Schwarzach Die Bitte, sich mit den kirchlichen Texten des zweiten Adventssonntags vertraut zu machen, rannte bei Eva Grabherr offene Türen ein. Für die Begründerin und Geschäftsführerin der Projektstelle „okay.zusammen leben“ sind die alten Texte das Zentrum der Gottesdienste. „Manchmal frag ich mich, warum sie überhaupt diese neuen, literarisch meist schwachen Texte an deren Stelle setzen.“ Gut, die alten Sätze erschließen sich nicht sofort. Aber was Grabherr an der Liturgie besonders genießt, ist genau deren Pflege. „Bis heute bin ich fasziniert von Menschen, die sich um diese Texte versammeln und das seit Jahrhunderten.“ Vermutlich hat Eva Grabherr auch deshalb Judaistik studiert.

Für sie bildet Religion ein kulturelles System ab. „Menschen wollen Wesen von langer Dauer sein.“ Deshalb schauen sie zurück und nach vorn in die Zukunft. Das ist die ureigene kulturelle Wesensdimension des Menschen, „sich so aufzuspannen“. Und die Texte, wie sie aus Altem und Neuem Testament gelesen werden, sind der Kern.

Kein Ersatz mehr

Dass in jedem Gottesdienst Texte aus der hebräischen Bibel und dem Neuen Testament gelesen und bedacht werden, sagt aber noch etwas, diesen Sonntag wird es überdeutlich: Der Prophet Jesaja beschreibt den kommenden „Spross aus der Wurzel Isais“. Der 72. Psalm wurde ursprünglich feierlich bei der Krönung der Könige Judas vorgetragen, indirekt bittet er Gott um das Kommen des Messias. Matthäus erzählt von Johannes dem Täufer, der den Mensch gewordenen Gottessohn ankündigt, und Paulus bestätigt, dass Jesus dieser Christus, dieser Gesalbte gewesen ist. Alles dreht sich um die „Legitimierung von Jesus aus dem Alten Testament“. Gleichzeitig ist gerade das der Angelpunkt des Konfliktes zwischen Judentum und Christentum.

Lange verstanden sich die Christen als Nachfolger des Judentums, gar als Ersatz. „Das Alte durfte getrost verschwinden.“ Heute hat sich der Konflikt in ein geschwisterliches Verhältnis verwandelt. „Für monotheistische Religionen, von denen jede Anspruch auf die Wahrheit erhebt, ist das ein wahnsinniger Schritt.“ So erinnert uns die Lesung von Altem und Neuem Testament in jedem Gottesdienst daran, „wie so ein schwieriges Verhältnis transformiert werden kann“. Gerade für die heutige Welt „ist das eine zentrale Geschichte“: „Es braucht sich nicht der andere aufzulösen, damit ich legitim bin.“

Neue Gerechtigkeit

Inhaltlich hat Eva Grabherr das Thema der Gerechtigkeit stark berührt. Jesaja macht es unglaublich bildhaft zum Thema, dieses Lechzen nach Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist das, was die Menschen mit dem Kommen des Messias verbinden. Eine unabhängige, blinde Gerechtigkeit soll er ausüben. Jesaja schreibt: „Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er.“ Jesus wird eine Gerechtigkeit zugeschrieben unabhängig von Stand und Macht. Egal, ob der Mensch Mann oder Frau, schwarz oder weiß ist. Diese Gerechtigkeit ist mehr als die Buchstaben des Gesetzes, „sie ist eine Haltung“. Der deutsche Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann hat in einem Tagebuch vermerkt: „Es gibt einen Gerechtigkeitssinn in uns, der ist uralt, steckt in uns drin und meldet sich zum Glück, wenn auch vergeblich, immer wieder zu Wort.“

Und in beispielloser literarischer Qualität beschreibt Jesaja, wie es sich anfühlt, wenn solch eine Gerechtigkeit herrscht. Dann lösen sich die Gegensätze auf, „dann wohnt der Wolf beim Lamm… Kalb und Löwe weiden zusammen… der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter.“ Diese Sätze verweisen auf eine andere Welt, eine, in der man „nichts Böses mehr tut“. Das Gefühl einer solchen Gerechtigkeit aber geht für Eva Grabherr „durch den ganzen Körper“. Da legt sich eine Zufriedenheit auf die Seele, ein Gefühl von Ausgeglichenheit.

Diese Gerechtigkeit ist eine so ganz andere wie die erzwungene Gerechtigkeit der selbst ernannten Friedensrichter von heute, die ihren Frieden mit aller Gewalt durchzudrücken suchen. Diese so einzigartige Gerechtigkeit können wir manchmal in unserem Leben sogar fühlen, dann nämlich, sagt Eva Grabherr, „wenn Versöhnung geglückt ist.“

Uralte Sätze neu gelesen

So eine Bibel ist dick. Sie hat je nach Ausgabe fast 2000 Seiten. Für jeden Tag des Jahres holt die Kirche Texte daraus hervor: für die Lesung, das Evangelium, einen Psalm, ein Gebet. Aber wer versteht das schon? Die Texte sind uralt. Sprechen sie auch außerhalb geweihter Räume? Was sagen sie? In unserer Serie zum Advent haben wir heuer fünf Toni-Russ-Preisträgern die Texte der Sonntage vorgelegt mit der Bitte um Auskunft: Was klingt da in ihnen an?