Benno Elbs: Vier Schwerpunkte für die Herausforderungen der heutigen Zeit

Vorarlberg / 31.12.2019 • 19:15 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der Bischof hielt in seiner Predigt Rück- und Ausblick. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Der Bischof hielt in seiner Predigt Rück- und Ausblick. VN/Paulitsch

Die Predigt zum Jahreswechsel von Bischof Benno Elbs im Dom St. Nikolaus in Feldkirch im Wortlaut.

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Jahreswechsel ist immer eine Zeit des Rückblicks und Ausblicks, eine Zeit der Bilanzen und der guten Vorhaben. Was ist gelungen? Was soll besser werden? Wo stehen wir – persönlich, beruflich, privat?

Der Jesuitenorden hat im vergangenen Jahr vier Präferenzen formuliert, die im Mittelpunkt der Tätigkeit des Ordens stehen sollen. Es sind gleichsam vier Schwerpunktthemen, die mit Blick auf die Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit besonders wichtig sind.

Ich bin davon überzeugt, dass diese vier Prioritäten nicht nur für den Jesuitenorden, sondern auch für unsere Diözese, ja für die ganze Kirche Geltung haben. Es geht nämlich 1.) um die Gottesfrage, 2.) um Einsatz für die Armen, 3.) Begleitung der Jugend und 4.) um unsere Verantwortung in der Bewahrung der Schöpfung. Für mich sind das vier Themen, deren Wichtigkeit wir mit vielen Menschen in und außerhalb der Kirche teilen. Im Folgenden möchte ich auf jeden Punkt kurz eingehen.

1. Den Weg zu Gott bahnen

Unsere Aufgabe als Kirche ist es zuallererst, die Gottesfrage wachzuhalten inmitten einer Gesellschaft, die in religiöser Hinsicht unmusikalisch geworden zu sein scheint. Wichtig ist, dass wir dieses Faktum zunächst einmal bejahen. Wir leben in der Zeit der Apostelgeschichte, das heißt inmitten einer Gesellschaft, die Gott nicht (mehr) kennt. Diese Situation bietet die große Chance, Gott und das Evangelium neu und anders zur Sprache zu bringen. Gerade in der vorweihnachtlichen Zeit habe ich bei meinen Besuchen wieder gemerkt, dass die Sehnsucht der Menschen nach Einkehr und Stille, Andacht und Geborgenheit sehr groß ist. Mittlerweile haben wir als Kirche ein Monopol auf Stille. Wo gibt es sonst noch Räume der Ruhe und Stille, in denen der Mensch zunächst zu sich kommen und die Stimme Gottes vernehmen kann?

Die Gottesfrage offenzuhalten, heißt zunächst, bei sich selber anzufangen und sich mit dem Wort Gottes zu beschäftigen. „Wer die heilige Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht“, hat der hl. Hieronymus gesagt. Eine Vertiefung im Glauben geschieht vor allem im Meditieren der biblischen Texte. In ihnen begegnen wir Christus und können, verwurzelt in der Freundschaft mit ihm, anderen erzählen von der Hoffnung, die uns erfüllt. Diese erste Präferenz ermutigt vor allem, den eigenen Glauben zu stärken. Nur, wer selber die Freude des Evangeliums im Herzen trägt, kann das Feuer des Glaubens in anderen entfachen.

2. Gemeinsam mit den Armen auf dem Weg sein 

Dieser zweite Schwerpunkt ist die Konsequenz aus dem ersten. Wer in Gott eintaucht, taucht bei den Armen, Benachteiligten und in ihrer Würde Verletzten wieder auf. Als Christinnen und Christen sind wir unterwegs in den Spuren eines Gottes, der selber Mensch geworden ist. Es ist eine Folge von Weihnachten, dass wir die Menschwerdung Gottes nachahmen, indem wir uns selber engagieren für Friede, Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich. Das tun wir nicht nur für, sondern zusammen mit den ausgeschlossenen und an den Rand gedrängten Menschen, das heißt zusammen mit allen, auf deren Schrei der Herr selber mit seiner heilenden und erlösenden Menschwerdung antwortet. Nicht nur in der Schrift oder in den Sakramenten, auch in den Armen begegnet uns Gott.

Ich frage mich oft: Wie groß ist meine, wie groß ist unsere Bereitschaft, vom Wohlstand etwas herzugeben? Wie groß ist tatsächlich unser Bemühen, die von Jesus gelebte Liebe zu den Armen im eigenen Leben nachzuahmen? Die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, die Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom und nicht zuletzt das Beispiel von Papst Franziskus erinnern mich immer wieder daran, dass der Platz von uns Christinnen und Christen bei den Armen ist. Unser Umgang mit den Armen ist so etwas wie ein Reality-Check für unseren Glauben. Denn im Tiefsten ist diese Haltung der Freigiebigkeit gefordert, wie sie Jesus im Evangelium seinen Jüngern – und damit uns allen – gelehrt hat.

3. Die jungen Menschen bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft begleiten

„Die Jugend entscheidet“ – dieser Satz stimmt in mehrfacher Hinsicht. Zunächst: Wie die eigene Jugend verläuft, ist entscheidend für den Rest des Lebens. In der Jugend trifft man wichtige Weichenstellungen für das Leben: Man wird mehr und mehr Teil einer Gesellschaft, gibt dem eigenen Leben einen Sinn, übernimmt Verantwortung und verwirklicht seine Träume. Von ihnen können wir alle Respekt vor mutigen, manchmal auch ungewöhnlichen Entscheidungen lernen. Und sie fordert uns heraus mit kritischen Fragen. Eine erhebliche Zahl junger Menschen findet in der Kirche nichts, was ihrem Leben etwas „geben“ könnte. Um in den Augen der jungen Menschen glaubwürdig zu sein, müssen wir zunächst einfach zuhören, und in dem, was andere sagen, ein Licht erkennen, das uns helfen kann, die Welt das Evangelium tiefer zu verstehen.

Die Jugend ist nicht nur die Zukunft der Welt, sondern, wie Papst Franziskus sagt, das „Jetzt Gottes“ (Nachsynodales Schreiben Christus vivit, Nr. 178). Ihr Leben ist ein großer Lernort für uns als Kirche. Nehmen wir die Situation von Kindern und Jugendlichen wahr, so sind sie oft schon  in jungen Jahren mit großen Problemen und Krisen konfrontiert. Wie diese jungen Menschen mutig und entschlossen ihr Leben meistern trotz Armut, des Todes eines Elternteils, Arbeitslosigkeit u.v.m., löst in mir große Demut und Bewunderung aus.

Daneben gibt es auch vieles, was Hoffnung weckt. Junge Menschen gehen in der digitalen Kultur voran und öffnen die Tür in eine neue Epoche. Sie sind Protagonisten im Auftreten gegen soziale Ungerechtigkeit und nicht zuletzt Vorreiter und ständige Mahner in Sachen Klimaschutz. In alldem brauchen Jugendliche auch Unterstützung, Ermutigung und Bestärkung – auch von der Kirche. Denn besonders in der Jugendpastoral geht es um Fragen, die uns allen am Herz liegen sollten.

4. In der Sorge um die Bewahrung der Schöpfung zusammenarbeiten

In seiner prophetischen Enzyklika Lautado si‘ erinnert Papst Franzsikus alle Menschen an die gemeinsame Verantwortung für den Erhalt der Schöpfung. Eines der markantesten Zitate findet sich gleich am Anfang: Unsere Schwester Erde „schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“. (Nr. 2) Die Umweltzerstörung fügt der Welt einen Schaden zu, der nicht nur gegenwärtige Generationen betrifft, sondern auf zukünftige. Wir brauchen deshalb global wirksam werdende Maßnahmen, um neuen Schaden abzuwenden und einen Wandel im Lebensmodell einzuleiten, der nötig ist, damit die Güter der Schöpfung zum Wohle aller Menschen genutzt werden können. Was wir brauchen, ist nichts weniger als eine ökologische Umkehr.

Die Aufgabe, Beschützerinnen und Beschützer der Schöpfung Gottes zu sein, gehört wesentlich zum christlichen Leben. Im Glauben an Gott steckt eine unbändige Widerstandskraft, die sich mit gegenwärtigen Notsituationen nicht abfinden möchte. Das gilt für den Klimaschutz ganz besonders. Der Glaube an den Schöpfergott redet uns allen ins Gewissen und erinnert uns an unsere eigene Verantwortung. Als Christinnen und Christen müssen wir in der ersten Reihe stehen, wenn es darum geht zu schützen, was wir lieben und was uns von Gott anvertraut wurde. Helfen wir alle gemeinsam mit, dass die Zukunft unseres Planeten und von Gottes Schöpfung zu einer Welt führt, in der alle Menschen gut und gerne leben können: miteinander und im Einklang mit der Natur.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die vier Prinzipien, die der Jesuitenorden formuliert hat, ist ein Programm für die ganze Kirche. Sie sind der Resonanzraum, in dem der Schrei der Armen nach Gerechtigkeit, der Schrei der Jugend nach Zukunft und der Schrei einer bedrängten Schöpfung nachhallen. Nehmen wir diese Schreie ernst.

Lesen wir diese vier Prinzipien in Kurzfassung, kann man sagen: Als Kirche sind wir unterwegs.