Harald Walser

Kommentar

Harald Walser

„Gesetzeskonform“?

Vorarlberg / 10.02.2020 • 09:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Letzten Freitag mussten die Lehrkräfte an der Volksschule Lustenau-Kirchdorf dem enormen Druck von Landesrätin Barbara Schöbi-Fink und Unterrichtsminister Heinz Faßmann nachgeben. Die Kinder der Schule haben wie gefordert „gesetzeskonforme“ Zeugnisse mit Ziffernnoten erhalten.

„Die negativen Auswirkungen verpflichtender Ziffernnoten sind durch viele Studien belegt.“

„Gesetzeskonform“? Involvierte wissen seit Jahren, dass an nicht wenigen Volksschulen Kinder, die an ein Gymnasium wollen, automatisch lauter „Sehr gut“ bekommen. Das stört offenkundig niemanden. Andere Lehrkräfte geben dem Druck von Eltern nach, die mit „weiteren Schritten“ oder gar der Einschaltung eines Rechtsanwaltes drohen, sollte ihr Kind nicht das gewünschte Zeugnis erhalten. Bislang war davon nur die vierte Klasse Volksschule betroffen.

Die negativen Auswirkungen verpflichtender Ziffernnoten sind durch viele Studien belegt. Sie sind ungerecht, weil viele Faktoren dazu führen, dass Kinder aus „besserem“ Haus von ihren Lehrkräften bei gleicher Leistung unbewusst tendenziell besser benotet werden. Das alles ist offenkundig für jene kein Problem, die jetzt auf „Gesetzeskonformität“ pochen.

Sinnvolles Lernen

Kinder lernen nicht wegen einer Note, sondern weil sie neugierig sind. Aufgabe von Lehrkräften ist es, Begeisterung zu entfachen, zu motivieren und Kindern die Chance zu geben, Selbstvertrauen und Kompetenzen zu entwickeln. Die Dokumentation von Lernfortschritten und eine differenzierte verbale Beurteilung zeigen Kindern den „Lernweg“ und berücksichtigen Fleiß und die Mühe, die aufgewendet wurden.

Eine Beurteilungen mit „Gut“ oder „Befriedigend“ sagt nichts darüber aus, ob sich das Kind auf dem richtigen Weg befindet. Ist es fleißig? Geht es fahrlässig mit seinen Talenten um? Entwickelt es diese ausreichend oder nur zum Teil? Was soll ein mit „Gut“ in Deutsch beurteiltes Kind mit dieser Note anfangen? Schreibt es gute Aufsätze? Fehlt es an der Rechtschreibung? Grammatik? Hat es sich angestrengt? War es faul? Was muss es tun, um noch besser zu werden?

Um wenigstens in den ersten drei Jahren Volksschule sinnvolle Rückmeldungen zu ermöglichen, haben engagierte Lehrkräfte und Politiker schon vor über einem halben Jahrhundert dafür gesorgt, dass zumindest in dieser Zeit sinnvollere Beurteilungen möglich sind. Möglich, nicht verpflichtend! Das ist seit heuer Geschichte.

Schulrealität

Aus der Politik ist oft die realitätsferne Aufforderung zu hören, Lehrkräfte sollen halt zusätzlich zur verbalen Beurteilung noch eine Ziffernnote hinzufügen. Der doppelte Beurteilungsaufwand aber überfordert Lehrkräfte und ist nicht zumutbar. Die Schule ist keine reine Prüfungseinrichtung.

Der Aufschrei von Lehrkräften gegen die verpflichtende Ziffernnote war richtig. Dass den Verantwortlichen die praktische Erfahrung von Lehrkräften ebenso egal ist wie der Wunsch engagierter Eltern und sie stur auf völlig veraltete Bestimmungen verweisen, ist beschämend. Aber „gesetzeskonform“.

Harald Walser ist Historiker, ­ehemaliger Abgeordneter zum ­Nationalrat und AHS-Direktor.