Sind Sie ein Extremist?

Vorarlberg / 03.03.2020 • 20:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im Podcast spricht Tobias Giesinger ausführlich über weitere Themen. VN/RP
Im Podcast spricht Tobias Giesinger ausführlich über weitere Themen. VN/RP

Tobias Giesinger vom VGT spricht über Kälbertransporte per Lastwagen und Schiff.

Schwarzach Ein Transport von Lustenau über Schwarzach und Salzburg bis in den Libanon sorgt für Aufregung (die VN berichteten). Tobias Giesinger vom VGT berichtet im VN-Podcast über Kälbertransporte und wie die Tiere an der syrischen Grenze landen.

 

Sie haben ein Kalb von Salzburg bis in den Libanon verfolgt. Wie war das?

Giesinger Das hat ja eine Vorgeschichte. 2017 sind wir Kälbertransporten von Vorarlberg bis nach Italien gefolgt. Damals haben wir gemerkt, dass die Menschen nicht wissen, dass es diese Kälber gibt. Im November 2018 bis Februar 2019 haben wir einen anderen Transport recherchiert. Von Vorarlberg ging es nach Salzburg, von dort nach Spanien. Wir sind den Routen gefolgt und waren in den Masthallen und beim Hafen.

 

Wie lange dauerte der Transport?

Giesinger Circa 20 Stunden, wobei die Kälber in Salzburg Bergheim am Nachmittag um halb vier aufgeladen wurden und sechs Stunden auf dem Transporter standen, bevor es losging. Am nächsten Abend sind sie in Spanien angekommen. Dort werden sie sechs bis neun Monate gemästet, in diesem Fall waren es sieben Monate. Dann werden sie weiterverkauft. Im August dokumentierte unsere Partnerorganisation, wie drei österreichische Rinder im Libanon, an der syrischen Grenze, geschlachtet werden. Wir haben dann herausgefunden, dass sie mit einem dieser Transporter von Bergheim nach Spanien gebracht wurden.

 

Wie sieht der Weitertransport per Schiff aus?

Giesinger Die Schiffstransporte entsprechen nicht den EU-Standards. Keines der Schiffe ist für den Transport von Tieren gebaut. Sie sind nicht in Europa gemeldet, sondern im Libanon, in Togo oder Sierra Leone. Wenn die Tiere den Hafen in Spanien oder Kroatien verlassen, gibt es keine Gesetze mehr, die sie schützen. In Beirut sieht man seit 30 Jahren dieselben Bilder: Die Rinder werden an einem Fuß hängend per Kran ausgeladen und lebendig zu einem Schlachtbetrieb gebracht. Das sind keine Einrichtungen, wie wir sie kennen.

 

Der Aufschrei war groß. Reagiert die Politik angemessen?

Giesinger Da ist auf jeden Fall noch mehr drin. Wir kritisieren die Transporte an sich, die nicht legal durchgeführt werden. Die EU sieht vor, den Tieren nach neun Stunden eine Trinkpause zu geben. Wir haben dokumentiert, dass Fahrer einfach in einer Pannenbucht Pause machen und die  Wassertränke einschalten. Die Kälber finden sie aber überhaupt nicht oder können sie nicht bedienen. Die Politik muss zunächst einmal die Gesetze, die sie sich selber gibt, einhalten. In Vorarlberg ist dieses Bratwurst-Programm eingeführt worden. Das ist ein kleiner kosmetischer Schritt, wird die Transporte aber nicht beenden können, solange das System nicht geändert wird.

 

Sind Sie ein Extremist?

Giesinger Wir bekommen viel Zuspruch für unsere Arbeit. Wenn wir Tierschutzextremisten sind, sind es 90 Prozent der Bevölkerung auch.

 

Will der VGT die Menschen zum Veganismus bekehren?

Giesinger (lacht) Nein. Wir haben Infostände und klären über die Nutztierhaltung sowie Alternativen auf, das geht von Biofleisch bis zu vegetarischen und veganen Rezepten. Wir versuchen, das System zu zeigen, und wollen den Menschen die Möglichkeit bieten, selbst zu entscheiden. VN-MIP