Ich bräuchte ein paar Bierkisten
Die ersten Jahre in Wien bin ich ständig umgezogen. Von einer Wohnung in die nächste, jede war ein bisschen besser als die vorige: Die zweite hatte schon Wasser innerhalb der Wohnung (die erste nicht), von dunklen in hellere, von winzigen in größere. Ab der neunten Wohnung wünschte ich mir einen Balkon, den hatte dann die dreizehnte: eine Terrasse mit Rundumblick über Ottakring bis zum Kahlenberg hinauf. Die Wohnung war groß, ich hatte kaum Möbel, aber ich wollte endlich mal ein richtig großes Sofa. Ich konnte mir aber nicht mal ein kleines Sofa leisten, weil die Miete mein ganzes Geld auffraß. Aber eins habe ich zu Hause gelernt: Man kann fast alles selber machen.
„Die Wohnung war groß, ich hatte kaum Möbel, aber ich wollte endlich mal ein richtig großes Sofa.“
Ich kannte einen Vorarlberger, der bei der Ottakringer Brauerei arbeitete, nur ein paar hundert Meter von der Wohnung entfernt. Wenn man am Morgen auf die Terrasse ging, lag entweder der saure Geruch von frisch gebrautem Bier in der Luft oder der süße von Kakao, der in Kekse gepresst wird, denn die Manner-Fabrik ist auch dort in der Nähe und manchmal vermischten sich die Gerüche. Der Vorarlberger in der Ottakringer Fabrik, das war der Sigi Menz, den ich auf einem Vorarlberger-Fest kennengelernt hatte, wir haben damals ausgemacht, wir jassen jetzt dann mal zusammen, das steht immer noch aus. Jedenfalls rief ich den an und sagte, Sigi, ich bräuchte ein paar leere Bierkisten, hast du vielleicht ein paar für mich. Der Sigi sagte, wie viele brauchst du denn, ich sagte, naja: 42. Der Sigi hatte 42 Kisten für mich und ich baute ein Sofa daraus, L-förmig, zweieinhalb Meter auf der einen Seite, drei auf der anderen, es passte perfekt in mein neues Wohnzimmer. Ich ließ mir im Schaumstoffhaus Schaumgummi zuschneiden und überzog sie mit selbstgenähten Überzügen aus blauem Plüsch. Ich dachte, irgendwann kaufe ich mir ein ordentliches Sofa, aber für jetzt ist es perfekt.
Ich kann deshalb so genau sagen, wie viele Kisten es waren, die mir der Sigi schenkte, weil ich sie gerade nachgezählt habe: Ich habe das Bierkistensofa immer noch. Es hat keinen blauen Plüsch-Überzug mehr, sondern einen aus naturfarbenem Segeltuch. Es funktionierte wunderbar als ich jung war, und dann kriegte ich Kinder und dachte, jetzt rentiert sich wirklich kein neues Sofa, dann zogen wir in eine andere Wohnung, in die es auch passte, dann brachten die Kinder Freunde mit heim und ich dachte, grad gut, dass wir so ein großes, unkompliziertes Sofa haben. Jetzt haben wir einen Hund, da ist es auch besser, man hat kein edles Sofa. Und ganz langsam wird mir klar, dass ich wahrscheinlich nie ein anderes Sofa haben werde. Warum auch: Es passt, es ist bequem und es gefällt mir immer noch.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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