Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Liechtenstein sei gefährlich

Vorarlberg / 19.06.2020 • 16:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das österreichische Außenministerium warnt vor Reisen ins Ausland. Kein Witz. Seinen Darstellungen zufolge gibt es nur einen sicheren Ort auf der Welt: das Inland. Ja, sogar zu Liechtenstein stellt es fest: „Hohes Sicherheitsrisiko im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus.“ Immerhin: Auf ein Ausrufezeichen hat Ressortchef Alexander Schallenberg (ÖVP) verzichten lassen. Die Einstufung ist so schon übertrieben: In Liechtenstein gibt es seit zwei Monaten keine Neuinfektion.

„Kriegt man als Arbeitnehmer Probleme, wenn man sich in der Fremde infiziert? Man weiß es nicht.“

Das Fürstentum ist kein Einzelfall: Im Landkreis Lindau ist Mitte Mai zum letzten Mal eine Erkrankung festgestellt worden. Und auch wenn das kein Staat ist: Deutschland steht ähnlich da wie Österreich. Wobei Hinzufügungen wie „gut“ oder „schlecht“ relativ wären: Fünf von acht Nachbarländern haben zuletzt weniger Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet als Österreich: Neben Liechtenstein sind dies die Schweiz, Slowenien, Ungarn und die Slowakei. Nur in Deutschland, Italien und Tschechien waren es etwas mehr. Schallenberg ignoriert dies. Er spielt mit der Verunsicherung, die daraus entsteht: Kriegt man als Arbeitnehmer Probleme, wenn man sich in der Fremde infiziert? Man weiß es nicht. Zumindest die AK aber versucht zu beruhigen und sagt „nein“.

Subtile Reisewarnung

Das Ganze grenzt an eine Art Amtsmissbrauch: Natürlich hindert der Außenminister niemanden daran, nach Vaduz, St. Gallen oder Rimini zu fahren. Er suggeriert aber, dass es gefährlich sei. Gefährlicher jedenfalls, als in Österreich Urlaub zu machen. Wo auch immer: In Kärnten, wo es keine Neuinfektionen gibt, oder in Wien, wo es zum Beispiel gestern mehr als in Peking waren. Und der sich rund um die Uhr fröhlich-lässig gebende Radiosender Ö3 verstärkt das auch noch mit einer penetranten Kampagne; oder sagen wir doch gleich Propaganda dazu.
Damit kein Missverständnis entsteht: Urlaub in der Gegend kann das Schönste sein. Wenn man aber so plump dazu gedrängt wird, ist schon die Vorfreude nur noch halb so groß. Und überhaupt: Der Staat hat seinen Bürgern die Reisefreiheit nur gut begründet zu beschränken. Hier tut er es zunehmend willkürlich, um die heimische Tourismuswirtschaft zu stützen. Ja, er traut sich nicht einmal zu sagen, dass das ein Aspekt ist, den man wirklich bedenken sollte.

Berlin ist zum Glück anders

Andererseits: Viel mehr als von inländischen lebt die Hotelerie von deutschen Gästen. Und ihnen sind keine Grenzen gesetzt: Das Auswärtige Amt in Berlin sieht die Lage in Österreich entspannt. Ein Glück, dass es nicht so primitiv ist, zu sagen, wenn „Ösis“ nicht nach Deutschland sollen, sollen Deutsche nicht zu ihnen: „Ätsch!“

Beneidenswert auch, dass es in Berlin einen anderen Zugang gibt, der offenbar von einem denkenden, verantwortungsbewussten Bürger ausgeht, den man praktisch überall hinlassen kann, weil er Abstand hält und im Falle des Falles auch einen Mundschutz trägt; und den man nicht völlig entmündigen muss.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.