Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Geht nicht

Vorarlberg / 03.09.2020 • 18:37 Uhr

Dass man als Tellerwäscher beginnen und sich als Milliardär zur Ruhe setzen kann, hat den USA den Ruf eines Landes der unbegrenzten Möglichkeiten eingetragen. Wie man an der nach wie vor nicht ausgeschlossenen Möglichkeit einer Wiederwahl von Donald Trump sehen kann, ist allerdings auch der Niedergang von Anstand und Verantwortungsbewusstsein unbegrenzt. Im Gegensatz dazu ist Österreich ein Land der begrenzten Möglichkeiten. Was andernorts keine Probleme macht, geht bei uns gar nicht.

Als in unseren Nachbarländern in den Restaurants schon lange ohne Rauchschwaden als Beilage gegessen werden konnte, wurde bei einem Rauchverbot für die österreichische Gastronomie der Niedergang prophezeit. Die frühere FPÖ-Gesundheitsministerin hielt sogar nicht das Rauchen, sondern ein Rauchverbot für grauslich. Es wurde dann unter dem Druck eines wuchtigen Volksbegehrens letztlich doch eingeführt und sogar die meisten Gastwirte haben sich inzwischen damit angefreundet. Es geht also doch, Aufregung vergebens. Jedem Italien-Urlauber ist es vertraut, dass man sogar für ein Tüteneis oder eine Handvoll Maroni einen finanzamtstauglichen Kassabeleg und die begleitende Ermahnung bekommt, ihn ja nicht sofort wegzuschmeißen. Es wird nämlich tatsächlich auch auf der Straße kontrolliert. Das galt bei uns lange Zeit als völlig unmöglich, obwohl es viele Unternehmer von sich aus mit der Rechnungslegung sehr genau nahmen. Inzwischen ist sie mit Ausnahmen und einigen offenkundig weiterhin das Finanzamt austricksenden schwarzen Schafen eingeführt. Auch das hat sich entgegen den ersten Widerständen als machbar herausgestellt.

Jüngstes Beispiel dafür, was bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern gar nicht geht, ist die Hinterlegung der Kontaktdaten bei einem Restaurantbesuch. Das macht Sinn, weil die rasche Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten ein ganz wichtiger Beitrag zur Bekämpfung der Virusverbreitung ist. In Deutschland ist es für die Gastwirte offenkundig kein Problem, von den Gästen entsprechende Zettel ausfüllen zu lassen und diese eine bestimmte Zeit aufzubewahren. Natürlich gibt es einige wenige Leute, die zu ihrem eigenen Schaden sich aus falschen Angaben einen Spaß machen, aber dieses kleine Risiko steht in keinem Verhältnis zu den Vorteilen. Bei uns wird dieser Mehraufwand einer „Zettelwirtschaft“ als unzumutbare Mehrarbeit angesehen. Vorstellen kann man sich in der Gastronomie allenfalls eine Art Gästebuch, in das sich die Gäste selbst eintragen. Dieser Vorschlag hat aber tatsächlich einen Haken, nämlich den nicht gewährleisteten Schutz personenbezogener Daten vor den Augen nachfolgender Gäste. Auch dieses neuerliche „Das geht bei uns nicht-Argument“ geht wirklich nicht.

„Was andernorts keine Probleme macht, geht bei uns nicht.“

Jürgen Weiss

juergen.weiss@vn.at

Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.