Kinder, Corona und die Vorbildfunktion Erwachsener

Vorarlberg / 08.11.2020 • 16:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im Kindergarten sollen die Kinder auch weiterhin ihre Theaterstücke proben und aufführen dürfen. Nur halt ohne Eltern als Zuschauer. <span class="copyright">VN/Hartinger</span>
Im Kindergarten sollen die Kinder auch weiterhin ihre Theaterstücke proben und aufführen dürfen. Nur halt ohne Eltern als Zuschauer. VN/Hartinger

Kinderpsychologe Michael Thaler: “Kinder brauchen Sicherheit von ihren Eltern.”

Dornbirn Corona belastet alle. Seit fast neun Monaten spielt sich das Leben im Ausnahmemodus ab. Wie kommen Kinder im Kindergartenalter damit zurecht? Könnten sie nachhaltigen Schaden davontragen, wenn sie auf viele Dinge verzichten müssen, die das Kindsein schön machen?

Anpassungsfähig

“Nein”, sagt dazu Kinder- und Familienpsychologe Michael Thaler (43) vom IfS. “Diese Situation macht mit den Kindern genau das, was die Erwachsenen daraus machen. Kinder sind grundsätzlich sehr anpassungsfähig.” Sie brauchen einen Rahmen, der ihnen Sicherheit und Zuversicht gibt, sagt Thaler. “Wenn Erwachsene Verunsicherung ausstrahlen, dann übertragen sie das natürlich auf ihr Kind.”

Es sei wichtig, den Kleinen Gemeinschaftssinn vorzuleben. “Wir sind eine Famlie. Wir tragen das gemeinsam. Wir bleiben zuversichtlich. Das sind die Botschaften, die Kinder jetzt brauchen. Kinder sind die besten Seismografen. Sie spüren sofort, wenn etwas nicht stimmt. Man kann ihnen nicht vermitteln, dass alles nicht so schlimm sei, man selbst aber Angst zeigt”, erklärt Michael Thaler.

Die Kinder sind die besten Seismografen. Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt.”

Michael Thaler, Kinder- und Familienpsychologe

Kinder vertragen die Wahrheit

Kinder würden die Wahrheit durchaus vertragen. “Man sollte ihnen offen begründen, warum Feste heuer nicht so stattfinden können, wie es alle gewohnt sind.” Man müsse Alternativen schaffen, ein Laternen- oder Geburtstagsfest in kleinerem Rahmen durchführen. Gleichzeitig ist es aus Sicht des Experten nicht ratsam, den Kleinen Versprechungen zu machen, dass diese Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt vorbei sein wird. “Sehr wohl darf man in Aussicht stellen, dass es irgendwann wieder anders wird. Dass sich viele Menschen darum bemühen, die vorherrschende Lage zu verbessern.”

Eltern werden Sorgenkinder

In Michael Thalers Beratunsstunden rücken zusehends die Eltern in den Mittelpunkt. “Die Ängst kreisen um eine mögliche neuerliche Totalschließung von Schulen mit den damit verbundenen Betreuungsproblemen. Da gibt es aber auch zunehmende Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft. Diese beschäftigen vor allem ältere Eltern. Ich spüre bei meinen Klienten eine Ermüdung im Zusammenhang mit einer Perspektivenlosigkeit. Da kommen auch Gefühle von Fatalismus hoch”, berichtet Thaler.

Das Übertragen dieser negativen Gefühle kann für die Kinder negative Folgen haben. “Es kann zu Schlafproblemen führen, Kinder entwickeln negative Fantasien. Wenn solche Phänomene auftreten, sollte eine professionelle Beratung in Anspruch genommen werden”, sagt Thaler.

Keine Probleme in Kindergärten

Keine Probleme im Umgang mit dem Coronavirus ortet Patrizia Hollersbacher (49), eine der Qualitätsmanagerinnen der Bildungsdirektion Vorarlberg für die 2600 Kinder in den 251 Vorarlberger Kindergärten. “Die Kinder müssen auf nichts verzichten. Wir führen alle beliebten Feste gerade auch vor Weihnachten mit ihnen durch. Nur halt in Gruppen und ohne Eltern oder andere externe Personen.” Die Pädagoginnen tragen im direkten Umgang mit den Kindern keine Masken, sehr wohl aber, wenn sie sich von diesen entfernen. “Und die Kinder werden von den Eltern bis zur Eingangstür der Kindergärten gebracht und von dort wieder abgeholt.”

“Die Kinder müssen auf nichts verzichten. Nur Eltern dürfen nicht mehr ins Gebäude.”

Patrizia Hollersbacher, Qualitätsmanagerin Kindergärten

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