Kinderrechte in Gefahr

Vorarlberg / 19.11.2020 • 19:37 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Recht auf Schutz vor Gewalt sei gefährdet, warnt Rauch. VN/Paulitsch
Das Recht auf Schutz vor Gewalt sei gefährdet, warnt Rauch. VN/Paulitsch

Kinder- und Jugendanwalt Rauch warnt vor den Folgen des Corona-Lockdowns.

Feldkirch Michael Rauch warnt: Die Schulschließungen schränken das Recht auf Bildung ein. Auch andere Rechte von Kindern sind durch die Corona-Einschränkungen betroffen, vor allem das Recht auf Schutz vor Gewalt, wie er im Interview anlässlichs des Tags der Kinderrechte erläutert. Er fordert zudem, über gestaffelten Unterricht nachzudenken und appielliert an die Politik, sich um Eltern zu kümmern.

 

Stellt die Coronasituation eine Gefahr für die Kinderrechte da?

Rauch Wie bei Erwachsenen sind auch die Grundrechte von Kindern und Jugendlichen von den Einschränkungen betroffen. Dieser Aspekt gerät leider immer sehr spät in den Blick. Zwar haben sich manche Dinge im Vergleich zum Frühjahr verbessert. Ich erinnere an das Kontaktrecht zwischen Kindern und Eltern, das infrage gestellt wurde, oder an völlig unverhältnismäßige Strafen, die sich im Einzelfall auf mehrere 1000 Euro summiert haben. Aber zum Beispiel das Recht auf Schutz vor Gewalt ist immer noch massiv betroffen.

 

Woran machen Sie fest, dass dieser Aspekt zu spät beachtet wird?

Rauch Es wird sehr intensiv auf die Gefahr der häuslichen Gewalt aufmerksam gemacht, allredings vor allem gegen Frauen. Gleichzeitig wissen wir, dass Kinder auch Gefahr laufen, durch beide Elternteile Gewalt zu erfahren. Das ist viel weniger Thema. Mein dringender Appell lautet, auch die Gewalt an Kindern viel stärker zu beachten.

Welche Rollen spielen Schulen dabei, Gewalt gegen Kinder zu verhindern?

Rauch Wenigstens sind Kinder in Schulen nun ausdrücklich erwünscht, wobei wir dafür plädiert haben, die Schulen insgesamt offen zu halten. Sie haben eine massive Entlastungsfunktion für Eltern und sind der Ort, wo Kindeswohlgefährdung als Erstes auffällt und eine Mitteilungspflicht besteht.

 

Hätten Schulschließungen verhindert werden können?

Rauch Wie viele andere bin auch ich der Meinung, dass nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, um Schulen besser auf den Unterricht vorzubereiten. Lehrer kritisieren zurecht mangelnde Ausstattung mit Schutzausrüstung, sie kritisieren zurecht, dass Unterricht zu wenig gestaffelt vonstattenging und zurecht, dass es zu wenig Ausweichmöglichkeiten gab. Der Präsenzunterricht sollte aber so lange wie möglich stattfinden, sonst geht die Bildungsschere noch weiter auseinander.

 

Sie schlagen vor, die Weihnachtsferien stattdessen zu verlängern. Ist das noch aktuell?

Rauch Die Debatte ist nur aufgeschoben und läuft in anderen Ländern wie Deutschland sehr intensiv. Das Thema kann man auch bei uns in der weiteren Entwicklung der Diskussion ansehen. Die vier Schultage, die wegfallen, wären zu einem späteren Zeitpunkt nachholbar.

 

Wofür soll man die Pause jetzt nützen?

Rauch Zum Beispiel um über den Schulbeginn nachzudenken. Entweder fahren mehr Busse und Züge, damit Kinder und Jugendliche nicht in den total überfüllten Schulbussen stehen. Oder man führt einen geteilten Unterricht ein.

 

Sie warnen auch von den psychischen Auswirkungen des Lockdowns. Welche sind das?

Rauch Dass Treffen mit Alterskollegen nicht stattfinden können, ist für Kinder und Jugendliche ganz schwierig. Nationale und internationale Studien zeigen, dass die aktuelle Situation zu Ängsten, Schlafstörungen, problematischem Essverhalten und weiteren psychischen Auswirkungen führt. Das trifft auch auf Erwachsene zu. Insbesondere für Jugendliche sind die langfristigen Folgen aber unklar.

 

Welche Rolle spielen Eltern in der aktuellen Zeit?

Rauch Ihnen kommt eine zentrale Rolle zu. Sie müssen Sicherheit und Stabilität bringen und zum Beispiel den Leistungsdruck der Schule senken. Die Politik muss Familien so stark wie möglich entlasten. Eltern sind es, die letztendlich auf die Kinder schauen. Die Diskussion um Sonderbetreuungszeiten ist ein Paradebeispiel dafür, dass die Politik viel zu zögerlich vorgeht. Es ist ein Hohn für Eltern, dass man Schulen schließt, aber keine Sonderbetreuung ermöglicht. Auch finanzielle Hilfen für Familien sind wie bei Unternehmen sehr bürokratisiert und kommen nur schleppend an.

„Es ist ein Hohn für Eltern, dass man Schulen ohne Recht auf Sonderbetreuung schließt.“

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