Testregion mit geringer Aussage

Vorarlberg / 10.03.2021 • 19:34 Uhr
Die Gastronomie darf am 15. März sowohl drinnen als auch draußen wieder aufsperren. Kommen darf nur, wer getestet ist.VN/Paulitsch
Die Gastronomie darf am 15. März sowohl drinnen als auch draußen wieder aufsperren. Kommen darf nur, wer getestet ist.VN/Paulitsch

Vorarlberger Modellregion verrät nur wenig über die Folgen einzelner Lockerungsschritte.

Wien Vorarlberg ist jetzt „Erkenntnisregion“. So formuliert es Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) am Mittwoch. Die Lockerungsschritte in den Bereichen Gastronomie, Kultur, Sport und Selbsthilfe seien ein Test für ganz Österreich. Besonderes Augenmerk wird auf die Teststrategie gelegt. Abseits der Gastronomie will das Land mit Selbsttests arbeiten.

Wie viel Erkenntnis die Modellregion bringen wird, ist unter Experten allerdings umstritten. „Die Idee ist wunderbar, nur die Durchführung mangelhaft“, kritisiert Infektiologe Herwig Kollaritsch. Public-Health-Experte Armin Fidler erklärt, dass man die verschiedenen Lockerungsschritte nicht auseinander dividieren könne. Bei steigenden Infektionszahlen wisse man also nicht, woher welche Entwicklung komme. 

„Die Pandemie ist nicht vorbei“

Dass gerade Vorarlberg zur Modellregion wird, liegt an den vergleichsweise geringen Infektionszahlen. Seit Mitte Februar werden pro Woche und 100.000 Einwohner weniger als 80 positive Fälle registriert. Daher wird nun gelockert. Unter anderem darf die Gastronomie ab 15. März drinnen und draußen öffnen. Kommen kann nur, wer ein negatives Testergebnis aus einer Teststraße hat. Für die Bereiche Sport, Kultur und Selbsthilfegruppen sind Selbsttests erlaubt. 

Die relativ konstanten Zahlen erlaubten es, diese Lockerungen zu wagen, sagt Gesundheitsexperte Fidler. Es sei aber wichtig, die Auslastung der Spitals- und Intensivbetten im Auge zu behalten. Da sich diese zeitverzögert ändere, dürfe man nicht erst reagieren, wenn das Wasser bis zum Hals steht. „Wir leben noch immer in einer Pandemie“, warnt Fidler außerdem davor, nachlässig zu werden. „Wir dürfen uns nicht wie im Sommer von einer Quasi-Normalität einlullen lassen. Das Leben ist noch nicht 2019.“ Der Gesundheitsexperte ist überzeugt, dass die Infektionszahlen steigen. „Alles andere wäre ein Wunder.“

Die Ankündigung, die Lockerungen wissenschaftlich zu begleiten, sieht Fidler kritisch: „Das sagt man so einfach. Wir sehen aber nur ein Gesamtbild und nicht die einzelnen Lockerungen dieses Gesamtpakets.“

„Wissen nicht, wer schuld war“

Infektiologe Kollartisch ist auch nicht glücklich darüber, dass in Vorarlberg alles gleichzeitig öffnet: „Sollten die Fallzahlen steigen, wissen wir nicht, wer schuld war.“ Kollaritsch wäre ein schrittweises Vorgehen lieber gewesen. So hätte die Politik zuerst den Betrieb von Gastgärten und sportliche Aktivitäten im Freien erlauben können. „Zwei Wochen später, wenn es keine großen Auswirkungen gegeben hätte, wäre dann die nächste Lockerung möglich geworden.“

Außerdem ist der Infektiologe unglücklich über die lange Gültigkeitsdauer der Tests. 48 Stunden seien wissenschaftlich völlig falsch. Zumindest bei den Selbsttests hat Vorarlberg die Grenze bei 24 Stunden festgelegt. „Allerdings sollten Selbsttests nur die Ausnahme bleiben“, hält Kollaritsch fest.

Die Idee der modellartigen Öffnungen bezeichnet der Infektiologe zwar als wunderbar; dass alles auf einmal gelockert werde, allerdings als kurzsichtig. „Wenn es nicht funktioniert, müssen wir wieder zumachen, bis wir eine gewisse Durchimpfung erreicht haben.“ Bis dahin würden allerdings noch mehrere Monate vergehen.

„Wir dürfen uns nicht wie im Sommer von einer Quasi-Normalität einlullen lassen.“