Der Blockälteste von Dachau

Der Vorarlberger Engelbert Böhler überlebte sechs Jahre im KZ.
Bregenz Engelbert Böhler ist Grenzgänger. Am 11. Jänner 1898 als Sohn eines Bregenzers in Zürich geboren, pendelt er stets zwischen St. Gallen und Bregenz. Sein Leben bringt ihn auch nach Spanien, Frankreich und Dachau. Er überlebt das KZ. Böhlers Biografie ist eine von vier Geschichten über Vorarlberger KZ-Überlebende, an die heute, Mittwoch, im Rahmen des “Nationalen Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus” gedacht wird. Der Landtag und der Historiker Wolfgang Weber rücken exemplarisch vier Überlebende in den Fokus. “Es hat gut fünf Dutzend aus Vorarlberg gegeben”, berichtet er. Einer davon ist Engelbert Böhler.
Böhler wächst in St. Gallen auf, ist aber österreichischer Staatsbürger, Bregenz bleibt die für ihn zuständige Gemeinde. Er muss zur Musterung nach Österreich, kurz darauf meldet er sich freiwillig für den Dienst im Ersten Weltkrieg. Zu Kriegsende 1918 hat er Glück: Böhler befindet sich gerade in Bregenz auf Heimaturlaub und entkommt so der Kriegsgefangenschaft. Ab 1920 pendelt er als Installateur und Heizungstechniker zwischen St. Gallen und Bregenz hin und her. Mal wohnt er ein Jahr dort, mal ein Jahr hier.
Aus Frankreich entführt
1936 zieht er wieder in den Krieg: Zwischen dem 10. November 1936 und dem 30. November 1938 kämpft er im spanischen Bürgerkrieg aufseiten der internationalen Brigaden für die spanische Republik. Er kämpft in einer als kommunistisch eingestuften Truppe; ob aus Überzeugung oder Zufall ist nicht klar. Wie viele andere Kämpfer flüchtet auch er nach Frankreich. Laut eigenen Angaben in einem Fragebogen nach der Befreiung des KZ Dachau finden ihn dort 1939 deutsche Agenten und nehmen in fest. Nach mehreren Wochen in Polizeihaft wird er nach Dachau gebracht. Warum ihn die Nazis aus Frankreich entführen, ist unbekannt. Weber erläutert: “Das heißt, dass ihm eine Führungsrolle im Widerstand zugeschrieben wurde.”
Im KZ sitzt er als politischer Gefangener in Block 15 und trifft 90 andere Österreicher, darunter den späteren Bundeskanzler Leopold Figl und prominente Vorarlberger wie Anton Blum, Othmar Gächter und Pater Georg Schelling. Böhler ist angesehen, die Häftlinge wählen ihn zum Blockältesten, ein hoher Posten der Häftlingsselbstverwaltung. Schelling ist Lagerdekan. Somit haben zwei Vorarlberger eine Führungsrolle unter den Häftlingen inne. Das Lagerleben ist dennoch eine Tortur. Böhler wird zum Beispiel zu Bunkerhaft und 25 Stockschlägen bestraft, weil er angeblich Tabak besitzt. 1942 wird er wegen Brotschmuggels zu einer Stunde Baumhängen bestraft. Schon 1939 muss Böhler unter anderen mit Figl zur Zwangsarbeit in den Steinbruch des KZ Flossenbürg, am 4. März 1940 kehrt er nach Dachau zurück.
Nach der Befreiung des KZ durch die Amerikaner am 29. April 1945 bleibt Böhler vorerst. Er darf erst am 2. Juni 1945 gehen und reist nach Kennelbach zu seinem Onkel. „Für die Zeit danach ist wenig überliefert“, erzählt Weber. Klar ist: Nach seiner Rückkehr ist er für drei Jahre Sekretär des KZ-Verbandes, der Überlebende vertritt. Ab 1948 arbeitet er als Buchhalter in der Bauwirtschaft, in den 50er-Jahren gründet er eine Textilhandelsgesellschaft. Bis zu seinem Tod am 1. Jänner 1975 bleibt er von der Haft schwer gezeichnet.
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Gedenktag im Landtag
Bregenz Am 5. Mai 1945 wurde das KZ Mauthausen befreit. Anlässlich dieses Datums wird der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Im Landtag findet deshalb alle fünf Jahre eine Gedenkveranstaltung statt, eigentlich wäre 2020 an der Reihe gewesen. Coronabedingt wird es nun ein Videogedenken mit einem Jahr Verspätung. In einem Video beleuchtet Regina Fritz (Lehrstuhl für neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte in Bern) die Widrigkeiten, die KZ-Überlebende nach ihrer Heimkehr erdulden mussten. Wolfgang Weber skizziert die Lebensläufe von vier Vorarlbergern. Landtagspräsident Harald Sonderegger betont: „Um unserer Zukunft willen dürfen und werden wir sie nicht vergessen.“