Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Tagträume

Vorarlberg / 31.08.2021 • 18:37 Uhr

Während der Regen so heimelig ans Fenster prasselt, kann es schon passieren, dass man sich zurückträumt. Vielleicht in die 1970er Jahre? Was für eine überschaubare Welt! Krisenhafte Züge trug einzig jener Tag in der Woche, an dem Vater sein Auto stehen lassen musste, um Energie zu sparen. Ganze fünf Wochen währte die große Entbehrung, aber die Gespräche befruchtete sie locker das Jahr hindurch. Was heute Semesterferien heißt, hob die Regierung als Energieferien aus der Taufe. Ansonsten war da Arbeit und Zukunft, und junge Menschen schritten selbstsicher in die Welt, die nur auf sie zu warten schien.

Aber der Regen prasselt zur Unzeit ans Fensterglas. Der August trottet als November daher. Und was die aktuellen Aussichten anlangt … schon im Vorjahr waren es Virologen, die als erstes einen zweiten Lockdown ins Spiel brachten. Unmöglich, riefen alle. Es klang irgendwie fadenscheinig.

Und heuer? Die Wissenschaftler hatten ihren neuerlichen Auftritt schon. Jetzt heißt es warten. Erneut versichern sich die Menschen gegenseitig der Unvorstellbarkeit eines vierten Stillstands. Das tun sie, während die Impfbereitschaft völlig zum Erliegen kommt, und die Diskussion über individuelle Freiheiten die Fesseln der Pandemie Tag um Tag enger zieht.

Es gibt keinen Weg zurück. Und die Welt früher war auch nicht heil. Aber manchmal kann es schon passieren, dass man sich zurückträumt. Wehmütig zurückträumt.

Thomas Matt

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