Die liebende Antwort auf das große „Warum?“

Vorarlberg / 23.12.2021 • 16:26 Uhr
Äbtissin Hildegard Brem.Mariastern-Gwiggen
Äbtissin Hildegard Brem.Mariastern-Gwiggen

Wie der Prophet Habakuk fragen Menschen auch heute, weshalb immer die Bösen gewinnen. Weihnachten gibt eine Antwort.

Schwarzach Heiligabend, da haben die Propheten Pause. Engelchen treten an ihre Stelle und Ochs und Esel. Der Evangelist Lukas betritt die Bühne mit seiner fein durchkomponierten Weihnachtsgeschichte, die sich rund um den Erdball in Liedern, Bildern, Krippen und Altären niederschlägt. Die jedes Kind herunterbeten kann. Na, sagen wir fast jedes. Die Zeiten haben sich ja etwas geändert.

Aber Äbtissin Hildegard Brem hat noch einmal ihre Jerusalemer Bibel zur Hand genommen und leise die Seite 1335 aufgeschlagen. Da steht: „Das Buch Habakuk“. Noch ein Prophet. Einer von den kleinen. Sein Buch ist nur drei Kapitel stark, gerade mal fünf Seiten lang.

Dialog mit Gott

Ein seltsames Buch. Über das Leben des Propheten wissen wir gar nichts. Sein Name bedeutet „der umarmt und an sein Herz drückt“. Er könnte im Tempeldienst gestanden haben. Zarte Hinweise gibt es. Zeitlich könnte der Raum zwischen 612 und 605 vor Christus hinkommen. Aber dann ist schon Schluss. Jesaja war mit einer Prophetin liiert, die Kinder von Hosea trugen seltsame Namen, aber von Habakuk wissen wir nichts. Er hat nicht einmal eine Predigt hinterlassen, dafür ein Gespräch. Sein Gespräch mit Gott. Kein devotes, ängstliches Gespräch, sondern ein forderndes, anklagendes. Habakuk zieht Gott zur Rechenschaft. Das ist neu.

Warum tust Du nichts?

Das Buch Habakuk beginnt mit der uralten Klage der Menschheit: „Wie lange, Herr, soll ich noch rufen, und du hörst nicht zu?“ Und mehr noch: „Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht.“ Der Prophet lässt seinen Gesprächspartner die Welt mit seinen Augen sehen: „Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung, erhebt sich Zwietracht und Streit.“ Und erneut nimmt er seinen Gott in die Pflicht: „Warum lässt du mich die Macht des Bösen erleben und siehst der Unterdrückung zu?“ Wie es sein Name bedeutet, drückt der Prophet Habakuk den vom Bösen bedrängten Gerechten an sein Herz, und schleudert Gott sein „Warum“ ins Gesicht.

Gott steigt in diesem Dialog nicht wirklich gut aus. In die heutige Sprache übersetzt, antwortet er: Na gut, wenn wirklich alles so furchtbar ist, dann hetz ich Euch die Chaldäer auf den Hals. Die sind für ihre Grausamkeit bekannt. Sie suchen ständig „Wohnplätze zu erobern, die ihnen nicht gehören“. Die machen alles platt. Und Habakuk antwortet: Das kann doch nicht Dein Ernst sein! So mögen Menschen reagieren, aber Du bist doch unser Gott!

„Weh dem, der…“

„Deine Augen sind zu rein, um Böses mit anzusehen“, heißt es wörtlich im Text, der später dann noch einmal die Fehler der Menschen überdeutlich anspricht: „Weh dem, der zusammenrafft, was nicht ihm gehört, und sich hohe Pfänder geben lässt. Wie lange wird er es noch treiben?“ heißt es da und „weh dem, der für sein Haus unrechten Gewinn sucht“, „weh dem, der eine Stadt mit Blut erbaut“ und „weh dem, der seinen Freund / aus dem Becher seines Zorns trinken lässt!“

Auch wenn Gott in diesem Text die erlösende Botschaft nicht ausspricht, schenkt er Habakuk doch Hoffnung. Eine der schwierigsten Aufgaben bürdet er ihm freilich auf. Äbtissin Hildegard findet sie im zweiten Kapitel: Eine Aufgabe, die der Welt dieser Tage so schwer zu schaffen macht: Geduld. „Wenn es sich verzögert“, sagt Gott, „so warte darauf, denn es kommt! Es kommt, und bleibt nicht aus!“ Eines Tages wird er eingreifen, daran glaubt er fest. Eines Tages wird Gott für Gerechtigkeit sorgen. Eines Tages wird alles gut.

Die endgültige Antwort

Ein schwacher Trost? Nun, wenn Gott die Antwort im Prophetenbuch schuldig blieb, in der Weihnachtsgeschichte gibt er sie. Abermals freilich ganz anders als erwartet: Er nimmt Menschengestalt an, aber nicht als Königskind sondern in einer elenden Futterkrippe, er wird die Menschen als Jesus von Nazareth in seinen Bann schlagen, aber nicht mit Schlachtgesängen sondern mit der Bergpredigt. Er wird sich allen Erwartungen zum trotz verhaften, schlagen, verurteilen und kreuzigen lassen.

Und noch einmal hält die Schöpfung den Atem an, weil alles zu Ende scheint. Aber dann, in der ersten Osternacht der Weltgeschichte, lässt Gott selbst den Tod hinter sich und lange nach der Zeit des Propheten Habakuk erfüllt sich nach den Worten von Äbtissin Hildegard Brem dessen unverbrüchliche Zuversicht: „Dennoch will ich jubeln über den Herrn und mich freuen über Gott, meinen Retter.“ Der Evangelist Lukas nimmt diesen Satz auf in einem der schönsten Gebete, die uns die Bibel überliefert hat, im Magnificat.