Reinhold Konzett: gefangen in der Schneehölle

Vorarlberg / 26.01.2022 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Reinhold Konzett: gefangen in der Schneehölle
Reinhold Konzett war mit Leib und Seele Bergretter. Als Chef der Lawinenhundestaffel führte er seine Männer in die Schneehölle.

Dass Reinhold Konzett noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Der Klostertaler geriet drei Mal unter eine Lawine.

Dalaas Reinhold Konzett (83) wuchs in Dalaas auf, in einem lawinengefährdeten Gebiet. „Mein Bruder und ich sind wie Gämse aufgewachsen, mitten in der Natur.“ Im Winter fuhren die Buben immer mit den Skiern zur Schule. „Als Teenager war ich ein wilder Kerl“, sagt er und erzählt dann von den Klettertouren mit seinem Bruder. „Unser Vater war Chef der Dalaaser Bergwacht. Wir haben sein Bergseil geschnappt und Erstbegehungen gemacht. Einmal haben wir uns im Felsen verstiegen. Wir kamen nicht mehr vorwärts und nicht mehr zurück. Das war eine brenzlige Situation.“

Schutzengel im Dauereinsatz

Schon als Kind strapazierte Konzett seinen Schutzengel. Als Sechsjähriger geriet er unter eine Staublawine. „Meine Mutter ist Wasser holen gegangen. Ich bin ihr nach, dann hat es plötzlich gekracht, und sie schreit noch: ,Spring.‘ Einen Moment später bin ich unterm Schnee gelegen. Meine Mutter und unsere Nachbarinnen haben mich ausgegraben, mit Kehrschaufeln. Ich hatte keine Fingernägel mehr, weil ich versucht hatte, mich selbst aus der Lawine zu befreien.“

Nur wenige Jahre später hätte den Buben beinahe eine Dachlawine ins Grab gebracht. „Sie verschüttete den Ein- und Ausgang des Tunnels, den ich gebaut hatte. Ich war eingesperrt und hatte kaum noch Luft zum Atmen. Mein Vater schaufelte mich frei und konnte mich gerade noch retten.“

“Ich fand Rita im grünen Nachtkleidchen tot im Schnee”

Reinhold Konzett, der Jugendfreund von Rita

Das Thema „Lawinen“ begleitete den Klostertaler ein Leben lang. Im Lawinenwinter 1954 verschüttete eine mächtige Lawine den Dalaaser Bahnhof und einen Personenzug. Zehn Menschen starben, darunter Konzetts Freundin. „Rita wohnte im Bahnhof, ihr Vater war der Bahnhofsvorstand.“ Nach fieberhafter Suche fand der 16-Jährige seine Liebste. „In einem grünen Nachtkleidchen lag Rita tot im Schnee. Ich war verzweifelt und weinte heftig. “ In diesem Moment schwor sich der junge Mann: ,Ich gehe zur Bergrettung. Und jeder, den ich aus einer Lawine heraushole, ist für mich eine Genugtuung.“

Im Lawinenwinter 1954 verschüttete eine Lawine den Dalaaser Bahnhof und einen Zug. Zehn Menschen starben damals, darunter die Freundin von Reinhold Konzett.
Im Lawinenwinter 1954 verschüttete eine Lawine den Dalaaser Bahnhof und einen Zug. Zehn Menschen starben damals, darunter die Freundin von Reinhold Konzett.

 60 Jahre war Konzett bei der Bergrettung, 32 Jahre lang als Lawinenhundeführer. Als Chef der Lawinenhundestaffel musste immer er – unter großer Lawinengefahr – vorausgehen. „Den anderen habe ich immer gesagt: ,Ihr müsst nicht mitkommen in die Schneehölle, aber wenn ihr es tut, gibt es kein Vielleicht, dann müssen wir es durchziehen.“ Während des Einsatzes dachte er nicht an die Gefahr von Nach-Lawinen. „Man blendet das aus. Aber eine Woche später war ich immer krank.“ In all den Jahren als Bergretter konnte er nur einen einzigen lebendig aus einer Lawine herausholen. „Eine Lebendbergung ist das Höchste der Gefühle. Aber auch wenn man Tote findet, ist es auf eine gewisse Art ein Erfolg. Trotzdem konnte ich nach Todbergungen drei Nächte nicht schlafen.“

Diese Fotomontage gibt einen Einblick in sein Leben als Bergretter und Hüttenwirt.
Diese Fotomontage gibt einen Einblick in sein Leben als Bergretter und Hüttenwirt.

So manches Himmelfahrtskommando hatte der gelernte Kesselschmied auch als Lawinensprenger. Als solcher arbeitete er 18 Jahre lang, unter anderem am Sonnenkopf, wo er auch Chef der Pistenrettung und Mitglied der Lawinenkommission war. Einmal wäre er beim Lawinensprengen beinahe ums Leben gekommen. „Ich stand auf einem Grat und zündete eine Sprengladung. Ich wollte wegfahren und merkte, dass ich meine Skibindung noch nicht eingestellt hatte. Plötzlich löste sich von selbst eine Lawine. Sie riss mich mit und betonierte mich bis zum Bauch ein. Dann sah ich, wie die Lawine, die ich gesprengt hatte, auf mich zuraste. Mir war klar, dass ich keine Chance hatte und sterben würde. Als die Lawine mich erfasste, riss es mich fast auseinander.“ Auf den tosenden Lärm folgte zunächst Totenstille. „Mein Lebensfilm lief vor mir ab. Um mich herum war Nebel. Plötzlich hörte ich Musik.“ Der zweifache Vater überlebte, weil ihn ein Arbeitskollege rechtzeitig ausgraben konnte. Aber nun wusste er, „dass man als Mensch nur ein Floh ist“.

Drei Mal traf ihn der Blitz

Auch als Hüttenwirt – Konzett bewirtschaftete fünf Jahre lang die Sarotlahütte und 21 Jahre lang die Mannheimer Hütte – begegnete er den Gefahren der Natur. „Drei Mal wurde ich vom Blitz getroffen,“ verrät der Pensionist mit ernster Miene. Sein Gesicht hellt sich aber gleich wieder auf. „Bei mir musste der Schutzengel Überstunden machen“, meint er dann und schmunzelt.

Dass er mehrere brenzlige Situationen überlebt hat und alt werden durfte, erfüllt den 83-Jährigen mit großer Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit hat er auch immer ausgedrückt. „Nach jeder Winter- und Sommersaison bin ich zu den Kapuzinern nach Bludenz gefahren und habe drei Messen dafür bezahlt, dass ich noch lebe und nicht bei einer Bergung umkam.“ Diese Gepflogenheit hat er beibehalten. Heute ist es sein Herzensanliegen, „dass mein Sohn aus dem Rollstuhl herauskommt“.