Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Gute Besserung

Vorarlberg / 26.02.2022 • 06:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Bekannte, die viel und gern erzählt und mir schon viel erzählt hat, berichtete Folgendes:
„Ich war knapp zwanzig und mit einem Mann zusammen, bei dem ich bis zum Tod bleiben wollte, er übrigens auch bei mir. Wir hatten eine wilde Zeit, und dann verabschiedete er sich nach Kalifornien, mit dem Versprechen, wieder zu kommen. Er kam aber nicht wieder. Ich trauerte drei Jahre um ihn, sah keinen anderen an, aber dann wurde es mir doch zu dumm. Ein anderer nahm mich, und er war gut zu mir und ist es bis zum heutigen Tag.
An einem Wintertag erreichte mich ein Eilbrief aus Amerika. Er war es, und gleich fuhr er mir wieder ins Herz, und als mein richtiger Mann fragte, warum ich so blass sei, erzählte ich ihm die Geschichte.
In dem Brief stand, dass er krank sei, sehr krank und wahrscheinlich bald sterben werde. Er sei auch verarmt und habe kein richtiges Bett. Wenn er doch wenigstens mich auf seinem Bett hätte!

„In dem Brief stand, dass er krank sei, sehr krank und wahrscheinlich bald sterben werde.“

Ich ließ den Brief lange liegen. Mein Mann mahnte mich, ihm zu schreiben, ihm zu sagen, dass ich mein Bett mit einem richtigen Mann teile.
Er war doch auch ein „richtiger“ Mann, das kann ich nicht schreiben, sag ein anderes Wort! Ich schrieb, dass ich mein Bett mit meinem Ehemann teile.
Der Mann ließ mir keine Ruhe. Ihn bald schon tot zu wissen, machte mich sehr traurig, aber was sollte ich tun?
Einen Monat später nahm ein Bett – nicht meines – den Flieger nach Kalifornien. Mein Mann hatte das vorgeschlagen – so großzügig war er. Ja, wir schickten ihm ein Bett nach Amerika! Der Spediteur lieferte ein Bettgestell, einen Lattenrost, eine Matratze, zwei Leintücher, zwei Kopfkissen, zwei Kopfkissenbezüge, eine Daunendecke. Alles mit dem Dampfer hinüber!
Ich war zufrieden und wünschte ihm gute Besserung, obwohl das wohl nicht richtig ist, einem Todkranken gute Besserung zu wünschen. Was sagt man in so einem Fall?
Er schrieb mir umgehend, dass das Bett sehr bequem sei und mein Geruch ihn beruhige.
Ein halbes Jahr später erreichte mich eine Todesanzeige. Ich hatte nur seinen Spitznamen gekannt. Jay. Unter Jayson konnte ich ihn mir gar nicht vorstellen.
Wer würde jetzt in seinem / meinem Bett schlafen? Hatte er Kinder gehabt? Eine Frau? Am ehesten konnte ich mir einen großen schwarzen Hund in dem Bett vorstellen, der ausgestreckt dalag.
Ich nadelte die Todesanzeige zu den vielen anderen an die Wand in unserer Küche. So konnte ich an Jay erinnert werden, wenn ich Eier in die Pfanne schlug.
Zum Beispiel an einen lauen Sommerabend.
Er hatte auf seiner Gitarre gespielt, Songs, die ich mitsang, und dann hing seine Gitarre im Baum. Wir aßen Würste. Es begann zu regnen. Die Gitarre wurde vergessen. Am nächsten Tag sagte Joy: Die können wir gerade noch wegschmeißen.

Also dann“, sagte die Bekannte und machte kehrt.
„Jederzeit gern“, rief ich ihr nach.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.