Warum die Schule der Gegenwart völlig neu ausgerichtet werden sollte

Vorarlberg / 11.04.2022 • 05:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Warum die Schule der Gegenwart völlig neu ausgerichtet werden sollte
Margret Rasfeld gilt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Pädagogik im deutschsprachigen Raum. VN/Stiplovsek

Die deutsche Pädagogik-Ikone Margret Rasfeld ist mit ihrem “Frei Day”-Konzept auf Vorarlberg-Tour.

Dornbirn Die 71-jährige Pädagogik-Ikone Margret Rasfeld propagiert eine Schule, in der die Schüler aktiv agieren und lernen,Verantwortung für sich selbst, für ihre Mitmenschen und den Planeten zu übernehmen. Drei Lustenauer Schulen haben sich diesem Konzept bereits verschrieben, es sollen mehr werden. Margret Rasfeld ist mit ihrem “Frei Day”-Konzept auf Werbetour.

Werden Ihre Ideen für eine moderne Schule nicht zum Teil auch schon umgesetzt?

Neu sind die Themen, um die es geht. Dazu zählen soziale Themen wie Armut, Gleichberechtigungsthemen, Klimathemen, Biodiversität, Stadtentwicklung, Gesundheit. 2015 wurden von 197 Staaten einstimmig 17 Ziele formuliert. Es gibt die Überzeugung, dass Bildung der Schlüssel für die Veränderung der Welt ist. Lernende müssen diese Themen kennen und wissen, was ihr persönliches Handeln für Auswirkungen hat. Sie sollen neues Handeln ausprobieren und lernen, die Welt zu verändern. Es geht ums Handeln und nicht um Wissensvermittlung. Die UNESCO hat 2015 einen Aktionsplan zu Bildung für nachhaltige Entwicklung herausgebracht. Es gibt die Forderung nach einem Paradigmenwechsel an Schulen und zu einer radikalen Neuausrichtung für Bildung.

Es gibt verschiedentlich die Forderung nach Rückbesinnung auf die Fokussierung auf die elementaren Kulturtechniken: Rechnen, Schreiben, Lesen. Wie sehen Sie das?

Interessant ist: Die Bildung ist immer noch althergebracht. Die Schüler sitzen nebeneinander, kriegen gesagt, was sie tun sollen und führen das dann aus. Sie haben alle vier Stunden Mathematik und Deutsch. Aber wenn das nicht mit Sinn verbunden ist, dann ist alles auch schnell wieder vergessen. Ich spreche mich nicht gegen Üben aus, nur gegen sinnloses Üben.

Wie wichtig sind in ihrem Konzept Begriffe wie Disziplin, Genauigkeit, Konsequenz. Man hat das Gefühl, man darf diese Worte nicht mehr in den Mund nehmen, ohne als Steinzeitpädagoge gebrandmarkt zu werden.

Die Schule ist geprägt durch einen von Erwachsenen angeordneten Erfüllergeist. Da werden die Kinder ja krank. Das wissen wir alles schon. Das bezieht sich auf 60 Prozent aller Schulkinder. Kinder lernen durch Herausforderungen. Etwa, wenn man sie damit konfrontiert, mit 150 Euro drei Wochen zu überleben: Dann lernen sie Durchhaltevermögen, Disziplin, Beharrungsvermögen, Teamverhalten. Solche Tugenden lernt man durch praktische Herausforderungen.

Arbeitgeber beklagen bei uns oft dramatische Bildungslücken bei Lehrlingsbewerbern. Wie soll das besser werden?

Die Unternehmen, mit denen ich spreche, beklagen etwas anderes. Nämlich dass die Jugendlichen nicht teamfähig sind, dass sie nicht selber mitdenken, dass sie Angst haben, Fehler zu machen. Sie sind obrigkeitshörig, lieb und brav im Erfüllen, aber nicht im Kreieren. Unternehmertum braucht Gestalter, nicht bloße Erfüller.

Kinder und Jugendliche hängen zum Teil wie Süchtige an Smartphone und Computer. Wie kann man sie davon wegbringen?

Das alles passiert, weil die Grundbedürfnisse nach Wachsen, Neuem Lernen und Selbstwirksamkeit in der Schule nicht erfüllt werden. Die Computerindustrie hat genau diese Bedürfnisse ausgemacht. Und diese Bedürfnisse werden in Spiele eingebaut. Kinder gehen in den Konsum, um etwas zu sein. Es geht darum, den Kindern etwas Lebendiges zu vermitteln. Man muss ihnen Partizipation anbieten, das Gefühl geben, Einfluss zu nehmen auf etwas, das Sinn macht: Ich übernehme Verantwortung und habe dann einen Beziehungspartner, der mich wertschätzt.

Sehen Sie durch Bildungsdefizite die Grundpfeiler unserer Gesellschaft in Gefahr: Pluralismus, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit?

Ja natürlich. Demokratie muss gelebt werden. In den meisten Schulen haben die Schüler keinen Einfluss auf die Inhalte, werden nicht gefragt, müssen tun, was man ihnen sagt, werden ständig bewertet, kriegen keine Zeit, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Die einzige Demokratie ist die formale, sprich Klassensprecher, Schulsprecher. Aber Demokratie muss gelebt werden.

Sie sind über 70. Was treibt Sie in Ihrem Engagement auch jetzt noch an?

Wir dürfen nicht länger unsere tollen Kinder durch Bildung zerstören. Ich möchte nicht zusehen, wie dieses Potenzial von wunderbaren Kindern systematisch unterdrückt wird.

Margret Rasfeld

Margret Rasfeld wurde 1951 in Gladbeck geboren. Sie gilt als Vor- und Querdenkerin für eine neue Bildungskultur. Sie war 39 Jahre im Schuldienst, davon 24 Jahre in Leitungsfunktion. Bis im Sommer 2021 leitete sie die Evangelische Schule Berlin Zentrum, deren Innovationskonzept weltweit Beachtung findet.