Warum uns diese Zeiten zermürben. Das sagt Seelenkenner Reinhard Haller

Vorarlberg / 13.04.2022 • 04:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Warum uns diese Zeiten zermürben. Das sagt Seelenkenner Reinhard Haller
Psychiater Reinhard Haller räumt ein, dass wir uns in außergewöhnlich schwierigen Zeiten befinden und gibt Tipps, wie man damit klarkommt. VN/Stiplovsek

Krieg, Corona, Armut: Wir haben uns in falscher Sicherheit gewiegt, sagt Reinhard Haller.

Schwarzach Das Leben von uns allen ist anders geworden. Schlechter. Eine nie gekannte Pandemie hält die Gesellschaft seit zwei Jahren im Würgegriff. Und jetzt der Krieg mit schwer verkraftbaren Bildern mitten in Europa. Dazu noch eine Teuerungswelle ungekannten Ausmaßes, Wohnungsnot, Politikkrise. Wie umgehen mit dem allem? Psychiater Reinhard Haller analysiert.

Können Sie sich als Mensch und Psychiater an eine durch verschiedenste Umstände verursachte bedrückendere Zeit erinnern?

Schlagworte wie “Es sind schlechte Zeiten” begleiten uns durch unser ganzes Leben. Doch die Zeiten, die wir jetzt erleben, sind für viele für uns schwer zu fassen. Ich schließe mich da mit ein. Wir haben in kriegs- und seuchenfreien Zeiten aufwachsen dürfen und haben uns wohl in falscher Sicherheit gewiegt. Wir haben keine Problemlösungskompetenzen für solche Situationen entwickelt. Krisen durch Teuerung und Wohnungmangel kannten wir durchaus. Aber nicht eine solche Pandemie und einen Krieg vor unserer Haustür.

Was macht all das mit uns?

Es erdet uns. Man war ja stark auf die Ego-AG zentriert, war abgehoben. Insofern wirken diese Entwicklungen antinarzisstisch. Das sind positive Nebeneffekte. Wir erkennen die Grenzen der Globalisierung. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Andererseits: Diese Geschehnisse lösen Ängste aus, das Bedrohungsgefühl hat zugenommen, ebenso Depressionssymptome sowie aggressives Verhalten. Wir beobachten psychosomatische Störungen, die Kopfweh oder Herzbeschwerden verursachen.

Welcher Missstand ist aus Ihrer Sicht der schädlichste?

Ich glaube schon, dass die Pandemie das Bedrückendste ist. Mit dem Krieg sind wir noch in der Phase, in der wir das alles einfach nicht glauben können. Wer hätte Putin zugetraut, dieses Unglück letztlich wirklich vom Zaun zu brechen? Noch schweben wir beim Krieg zwischen Hoffen und Bangen, obwohl es natürlich Leute gibt, die diese Entwicklung immer schon vorausgesehen haben wollen. Die Pandemie hat große Ernüchterung ausgelöst. Auch weil das Ende nicht absehbar ist und sie jeden persönlich betrifft.

Wie kann eine durch äußere Umstände verursachte Grundstimmung einen ohnehin psychisch angeschlagenen Menschen noch mehr hinuterziehen?

Diese Grundstimmung belastet vor allem jene, die schon vorher mit Störungen zu kämpfen hatten. Ja, das ist so. Sie zieht dann aber nicht noch viele vorher Unbelastete hinunter. Man muss in solchen Krisen auf die gesunden Anteile in uns Menschen blicken. Wir halten viel aus, wir können viel bewältigen. Wir leben auch im Bewusstsein, dass das Negative ein Ende hat. Ein großer Teil der Bevölkerung kommt damit klar. Auch gibt es die Ablenkung durch Arbeit. Menschen finden dort Struktur.

Bleiben wir bei der Pandemie. Wie ordnen Sie den tätlichen Angriff auf die grüne Klubobfrau Sigrid Maurer ein?

Ich erkenne darin die Projektion eines Problems auf die Politik. Wobei diese Aktion natürlich extrem war. Ich denke, die Politik muss den Mut haben, den Leuten in Sachen Corona zu sagen: Wir wissen nicht, wie sich die Dinge entwickeln, statt Ankündigungen zu machen, die dann nicht eintreffen. Diesbezüglich zitiere ich gerne Kardinal Schönborn, der in der Pressestunde auf den Zickzack-Kurs der Politik angesprochen, die Politik in Schutz nahm und antwortete: “Nicht die Politik fährt den Zickzack-Kurs, sondern das Virus.” Wird das so kommuniziert, kommt die Eigenverantwortung wieder mehr zum Zug. Klar macht die Unsicherheit, dieses Nicht-Kalkulierbare, die Leute gereizt und aggressiv. Es gibt einfach keine Planungssicherheit mehr.

“Die Politik muss den Mut haben, zu sagen: ‘Wir wissen nicht, wie sich die Dinge in der Pandemie entwickeln.'”

Reinhard Haller, Psychiater

Was soll man gegen diese Gereiztheit bis hin zur Aggressivität tun?

Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben. Der Mensch ist viel mehr als sein Impfstatus. Das Motto sollte sein: Unsere verschiedenen Meinungen gehen gut auseinander.

Inwiefern kann der jetzt in Schwung kommende Frühling zu einer Entspannung beitragen?

So schön der Frühling auch ist und so sehr wir ihn mögen, aber er ist neben dem Herbst auch die Zeit der Depression. Die Zeit der Wehmut. Auch wenn das Gefühl des Aufbruchs generell doch überwiegt.

Müssen wir davon ausgehen, dass Menschen aufgrund der Umstände generell gereizter und aggressiver werden?

Wichtig ist, dass Menschen erkennen, wenn sie ihre eigene Befindlichkeit auf andere projezieren. Ich kann die vorhandene Gereiztheit verstehen. Nur muss man sich dessen bewusst sein. Der Frühling ist vielleicht eine gute Zeit, sich zu entschuldigen, wenn Auseinandersetzungen zu weit gegangen sind.

Was kann uns in Zeiten wie diesen Mut machen?

Mut machen sollte uns die Erkenntnis, dass alles Schreckliche eine vorübergehende Belastung ist. Mut machen sollte uns in Vorarlberg auch die Tatsache, dass wir hier ein stabiles Fundament haben. Mut machen sollte uns, dass wir Kräfte in uns haben, von denen wir vor der Krise nichts gewusst haben. Mut machen darf uns auch das Wissen: Wo die Gefahr wächst, wächst auch das Rettende.