Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Wer bist du?

Vorarlberg / 05.05.2022 • 13:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Großvater stand mit seiner dreijährigen Enkelin am Bahnhof. Er zog seinen Koffer, sie zog ihr Köfferchen. Sie waren viel zu früh. Da passierte dem Großvater, dass er aus Versehen einen falschen Zug nahm, den früheren.

Die beiden stiegen ein. Sie fuhren ein paar Stationen, und dann fand der Großvater, dass etwas nicht stimmte. Sie waren im falschen Zug. Er war nervös und drängte zum Ausgang. Beim nächsten Halt stiegen sie aus. Sie warteten auf den Zug, der sie wieder zum Hauptbahnhof zurückbrachte. Der richtige Zug war da aber leider schon weg. Der Großvater nahm die Kleine an der Hand und zog nun auch ihr Köfferchen, weil sie so müde war, kaum dass sie ihre Füßchen heben konnte. Sie schleifte mit den Sohlen neben dem Großvater her. Sie wollte kein Eis, sie wollte keine Wurstsemmel, auch keine Käsesemmel, keine Banane und keine Schokolade. So setzten sie sich in die Wartehalle, und der Großvater hielt die Uhr im Auge. 17.15 Uhr, Gleis 7, diesmal würde er alles richtig machen. Denken Sie nicht, dass der Mann verwirrt war, er war nur nicht bei der Sache gewesen. Die Kleine legte ihren hellen Kopf auf seinen Schoß und schlief ein. Um 17 Uhr weckte er sie auf und zog sie zum richtigen Bahnsteig, die beiden Koffer im Schlepptau. Der Zug war ziemlich voll, aber sie fanden einen Platz nebeneinander. Gegenüber saßen zwei ältere Damen.

„Nach einer weiteren halben Stunde kam ein Polizist und stellte die gleichen Fragen an den Großvater, wie sie der Schaffner schon gestellt hatte.“

Da hob die Kleine ihr Köpfchen und sagte zum Großvater: „Wer bist du?“
„Du weißt doch wer ich bin, Trudi“, sagte der Großvater.
Wieder sagte die Kleine: „Wer bist du?“, und sah ihn mit großen Augen an.
Ein drittes Mal fragte die Kleine. Da staunten sich die beiden Frauen an. Eine stand auf und nahm ihr Handy, tippte eine Nummer ein und ging dann vom Sitz weg, so dass man ihr Gespräch nicht hören konnte.

Inzwischen war die Kleine wieder eingeschlafen und lehnte am Sacco des Großvaters, ihre Händchen hatte sie in einer seiner Hosentaschen vergraben.
Nach einer halben Stunde kam der Schaffner und verlangte den Ausweis des Großvaters und auch den Ausweis der Kleinen. Seinen Ausweis zeigte er vor, den der Kleinen hatte er nicht. Besaß sie überhaupt einen? Haben Dreijährige schon einen Ausweis?

„Das Kind kann sich also nicht ausweisen“, stellte der Schaffner fest.
Der Großvater: „Wie soll sich eine Dreijährige ausweisen!“
„Sind sie überhaupt der Großvater?“, fragte der Schaffner.
„Sag dem Schaffner, wer ich bin, sagte der Großvater zu dem Kind.
„Opa“, sagte Trudi.
Das genügte dem Schaffner nicht.

Nach einer weiteren halben Stunde kam ein Polizist und stellte die gleichen Fragen an den Großvater, wie sie der Schaffner schon gestellt hatte. Der Großvater wurde ärgerlich, wurde laut. Die Kleine weinte.
Die beiden Frauen tuschelten miteinander, dann stiegen sie aus.
Bei der nächsten Haltestelle, verlangte der Polizist, dass Großvater und Kind ihm folgen sollten. Sie gehorchten.

Zu allem Unglück hatte der Großvater sein Handy nicht dabei – das er nur in Notfällen benutzte, dies wäre ein Notfall gewesen.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.