Islamischer Friedhof: Grabstätten als Generationenfrage

Vorarlberg / 28.06.2022 • 18:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Islamischer Friedhof: Grabstätten als Generationenfrage
VN/MEF/Steurer

Vor zehn Jahren wurde die Anlage in Altach eröffnet. 115 von rund 700 Gräbern sind inzwischen belegt.

Altach “Der Tod gehört zum Leben. Und die Trauer löst in allen Menschen Emotionen aus”, sagt Yurdagül Canbaz, während Schmetterlinge über die Grabstätten und farbenfroh leuchtenden Wiesenblumen neben ihr flattern. “Vor allem, wenn ein Kind gestorben ist, macht mich das sehr traurig”, ergänzt die 45-Jährige. Sie kümmert sich gemeinsam mit ihrem Vater Ali Can (70) um die Bestattungen am Islamischen Friedhof in Altach. Einem Ort, an dem in den vergangenen zehn Jahren Menschen aus verschiedenen Nationen ihre letzte Ruhe gefunden haben und der damit gleichzeitig die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt.

Ali Can und seine Tochter Yurdagül Canbaz verwalten den Friedhof. <span class="copyright">VN/MEF</span>
Ali Can und seine Tochter Yurdagül Canbaz verwalten den Friedhof. VN/MEF

Der Friedhof steht Angehörigen der islamischen Religion aus allen Städten und Gemeinden des Landes offen. “Wir sind international und organisieren die Bestattung für verschiedene Glaubensrichtungen des Islam”, erzählt Ali Can und fügt im Hinblick auf den freien Raum im hinteren Teil des Friedhofs und Diskussionen zur Auslastung hinzu: “Ich habe bei der Eröffnung schon gesagt, dass das alles aber seine Zeit dauern wird.”

Ich habe bei der Eröffnung schon gesagt, dass alles seine Zeit dauern wird.

Ali Can, Bestatter

Die Anlage besteht aus fünf versetzt angeordneten Gräberfeldern und verfügt über Platz für rund 700 Grabstätten. 115 Verstorbene sind bislang auf dem Friedhof bestattet worden. Ali Can und seine Tochter Yurdagül kennen so manche Schicksale hinter den Zahlen. Während die beiden ihren Blick über den Friedhof schweifen lassen, keimen Erinnerungen zu tödlichen Unfällen und zu Familientragödien auf. “Auch Corona hat es manchen sehr schwer gemacht. Eine Mutter durfte nicht einmal mehr ihren Sohn umarmen”, erzählt Yurdagül Canbaz, und die Betroffenheit steht ihr dabei ins Gesicht geschrieben.

Traditionen verändern sich

An diesem Nachmittag sind es nicht nur Vögel, die mit ihrem Gesang der Stille eine besondere Atmosphäre verleihen. Denn obwohl Grabschmuck und häufige Friedhofsbesuche im Islam nicht üblich sind, haben Angehörige im Gedenken an ihre Lieben in Altach Blumen und Sträucher gepflanzt und die letzten Ruhestätten mit Symbolen und Kerzen versehen. “Es gibt manche, die kommen jede Woche zur Grabpflege vorbei. Andere nie”, erzählt Ali Can.

Der Islamische Friedhof in Altach hat immer wieder für Diskussionsstoff gesorgt. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Der Islamische Friedhof in Altach hat immer wieder für Diskussionsstoff gesorgt. VN/Paulitsch

Im hinteren Teil des Friedhofs ist ein Grab zu sehen, auf dem rote Geranien wachsen. Ein farblicher Kontrast zum grauen Fels, der im Hintergrund in die Höhe ragt – stimmig, aber im Gesamtbild mit dem rosafarbenen Stahl-Sichtbeton, mit dem die preisgekrönte Anlage errichtet wurde, dem Eichenholz, aus dem die Ornamente des Gebäudes gefertigt worden sind, und dem Grün rundherum. “Das ist ein sehr würdiger Platz”, ist sich Can sicher.

Es gibt auch Angehörige, die möchten die Grabstätte in der Nähe haben.

Yurdagül Canbaz, Bestatterin

Allerdings gebe es nach wie vor immer wieder in Familien Diskussionen darüber, ob Verstorbene in Altach bestattet werden sollen oder im Herkunftsland. “Die ältere Generation will noch eher in die Heimat”, sagt Can, der auch Überführungen für die Verstorbenen organisiert. “Momentan sind es 70 bis 80 jährlich.” Die Diskussionen kennt auch Tochter Yurdagül. “Es ist alles total individuell. Es gibt aber auch Angehörige, die möchten die Grabstätte in der Nähe haben. Speziell wenn es um ihre Kinder geht”, erzählt sie, während ihr Vater von der Hitze ausgetrocknete Blumen gießt. Die jüngere Generation habe inzwischen Familie und Freunde hier.

Dass der Islamische Friedhof viel Verbindendes auch über Grenzen hinweg aufzeigt, darüber sind sich die beiden Bestatter einig. Egal, ob es um den Schmerz über den Verlust oder um die Bedeutung des letzten Ruheplatzes geht.