230 Betretungsverbote in 180 Tagen

Vorarlberg / 15.07.2022 • 21:23 Uhr
Aktuell leben in der Frauennotwohnung 14 Frauen mit 18 Kindern. Nur noch ein Zimmer ist frei.DPA
Aktuell leben in der Frauennotwohnung 14 Frauen mit 18 Kindern. Nur noch ein Zimmer ist frei.DPA

Häusliche Gewalt in Vorarlberg: Frauennotwohnung fast voll.

Schwarzach Mehr als einmal täglich belegt die Polizei einen Gewalttäter mit einem Betretungsverbot. Genau genommen waren es in Vorarlberg 230 Mal zwischen 1. Jänner und 30. Juni. Solche Wegweisungen geschehen nicht leichtfertig. Entscheidet sich die Polizei dazu, droht die Situation in den eigenen vier Wänden zu eskalieren oder sie ist längst eskaliert.

Betretungsverbote sind ein Gradmesser, zeigen aber längst nicht das tatsächliche Ausmaß häuslicher Gewalt. „Das Dunkelfeld ist nach wie vor groß“, sagt die Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle, Ulrike Furtenbach. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 sind die Zahlen erneut gestiegen, von damals 198 auf nunmehr 230 Betretungsverbote.

Mehr Bewusstsein

Ob dahinter tatsächlich mehr Gewalt stecke, lasse sich schwer sagen, hält Furtenbach fest. „Mit dem neuen Gewaltschutzgesetz ist es gelungen, dass sich Betroffene schneller melden und das Umfeld sensibler ist.“ Gleichzeitig beförderten die vergangenen und anhaltenden Krisenjahre die Belastungen für die Gefährder und Gefährdeten. „Sie tragen natürlich dazu bei, dass schneller zu Gewalt gegriffen wird.“

In der Regel sind die Gefährder männlich. Im ersten Halbjahr waren es 215 Täter und 15 Täterinnen. „Der große Teil der häuslichen Gewalt passiert in Partnerschaften beziehungsweise sind es bei einem ganz großen Teil Ex-Partnerschaften“, erläutert Furtenbach. In etwa der Hälfte der betroffenen Haushalte leben auch minderjährige Kinder. Das geht aus der Statistik des Vorjahres hervor.

Neu ist, dass die Täter zu sechs Stunden Beratung verpflichtet werden. Von bislang 192 beim ifs gemeldeten Gefährdern im ersten Halbjahr schlossen 74 die Gewaltberatung positiv ab, 71 sind noch in laufender Beratung. Bei 40 wurde noch keine aktive Teilnahme gemeldet, bei den weiteren andere Gründe gemeldet. Furtenbach beurteilt das Programm als maßgeblich, „weil die Gefährder eine Anlaufstelle brauchen, wo sie sich mit Gewalt auseinandersetzen können“. Die sechs Stunden Beratung seien ein erster Schritt. „Für Einsicht und Verhaltensänderung reicht das aber in den allerwenigsten Fällen.“ Im ersten Halbjahr zählt das ifs 54 Gefährder, die über die sechs Stunden hinaus freiwillig beim ifs geblieben sind. 

Auch für Opfer gibt es ein Angebot, ebenso für jene, die eine Gewalteskalation fürchten. So hat die ifs-Gewaltschutzstelle im ersten Halbjahr 531 Personen beraten, die Beratungsstelle für sexuelle Gewalt 47 Frauen. Viele wollten zwar ein Ende der Gewalt, aber kein Ende der Beziehung, erklärt Furtenbach. „Wir sprechen dann über die ganze Bandbreite an Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen.“ Angehörigen rät die Leiterin der Gewaltschutzstelle zu Geduld, bis es Frauen – wenn überhaupt – gelinge, aus einer Gewaltbeziehung auszubrechen. „Wichtig ist ein unterstützendes Umfeld und eben nicht, Frauen mit Vorwürfen zu konfrontieren.“ Die Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle betont außerdem, dass finanzielle Unabhängigkeit einen wichtigen Beitrag dazu leisten könne, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen: „Neben emotionaler Abhängigkeit und Ängsten vor weiterer Gewalt wird es um vieles einfacher, wenn nicht auch weitere Einschränkungen zu befürchten sind.“

Frauennotwohnung gefordert

Frauen, die gar keinen Ausweg mehr finden, können sich an die ifs-Frauennotwohnung wenden. Die Unterkunft befindet sich an einem unbekannten Ort, sodass die Gefährder die Betroffenen nicht aufsuchen können. Bereits seit vergangenem Jahr fällt auf, dass sich die Aufenthaltsdauer der Klientinnen massiv erhöhte. Unter anderem veränderten sich die Problemstellungen, die Gefährder wurden hartnäckiger oder die Scheidungs- und Strafverfahren komplexer. Im ersten Halbjahr fanden 28 Frauen mit 35 Kindern Schutz in der ifs-Frauennotwohnung. Aktuell leben dort 14 Frauen mit 18 Kindern. 15 Zimmer sind dadurch belegt, nur noch eines ist derzeit frei.

„Wichtig ist ein unterstützendes Umfeld und nicht, Frauen mit Vorwürfen zu konfrontieren.“

Wer Hilfe und/oder Beratung sucht, findet diese bei der ifs Gewaltschutzstelle (05/1755-535), Frauennotwohnung (05/1755-577) oder Gewaltberatung (05/1755-515).