Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Ukraine-Müdigkeit?

Vorarlberg / 25.09.2022 • 09:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein auf wenige Tage geplanter Überfallskrieg auf die Ukraine hat sich für Russland als gewaltige Fehleinschätzung erwiesen und ist nach sieben Monaten zu einem Erschöpfungskrieg Davids gegen Goliath geworden. Der Widerstand der Ukraine wurde vor allem durch die geschlossene Unterstützung des Westens in Form von Waffenlieferungen, finanzieller Unterstützung und Aufnahme von Flüchtlingen möglich. Notwendig waren aber auch die Sanktionen gegen Moskau. Letztere zeigen zunehmend Wirkung – in Russland, unvermeidbar aber auch bei uns. Daher schlussfolgern viele, dass die Energiekrise ihre Ursachen in diesen Sanktionen hat, und nicht nur bei den Sofapazifisten nimmt die Zahl derer zu, die meinen, die Ukraine soll sich ergeben, damit wir wieder Ruhe haben und günstig russisches Erdgas bekommen.

Nicht nur bei den Sofapazifisten nimmt die Zahl derer zu, die meinen, die Ukraine soll sich ergeben, damit wir wieder Ruhe haben.

Dem liegen jedoch gewaltige Missverständnisse zugrunde. 1.) Wenngleich Putin, für dessen unstillbaren Appetit die Annexion der Krim nur die Vorspeise des Menüs war, seinen Aggressionskrieg gegen die Ukraine führt, so ist dies doch ein Kampf gegen ganz Europa und dessen Friedens-, Sicherheits-, Rechts- und demokratische Freiheitsordnung. Putins Expansions- und Umsturzzielen kann man folglich nicht mit Appeasement begegnen, wie uns die Geschichte am Beispiel München 1938 lehrt. 2.) Die Energiekrise ist nicht erst durch den Ukrainekrieg entstanden, sondern hat sich längst aufgrund der hohen Abhängigkeit Europas von Energieimporten ergeben. Diese wiederum wurde verursacht durch ideologisch motivierte, evidenzferne Verhinderung eigener Energiequellen sowie durch unüberlegte Maßnahmen zur Energiewende, etwa der Schließung von Kohle- oder Atomkraftwerken ohne Sicherung entsprechenden Ersatzes und trotz steigenden Strombedarfs wegen der Digitalisierung. Die daraus resultierende Verwundbarkeit lässt sich an Österreich wegen dessen besonders ausgeprägter Abhängigkeit von russischem Erdgas gut studieren.

Die Kombination aus Ukrainekrieg und Energiekrise ist ein Stresstest für Europa, der uns zeigt, dass wir unseren langjährigen Wohlstand und unsere geräumige Wohlfahrt in Frieden und Freiheit einer mehrfachen Abhängigkeit schuldeten: für unser Wirtschaftswachstum sorgte China, für unsere Energieversorgung Russland und für unsere Sicherheit Amerika – mit Österreich als besonderem Trittbrettfahrer. Die notwendige Schlussfolgerung muss nun lauten, dass wir unseren Schutz nicht dauerhaft anderen überlassen können und dass wir uns von Bequemlichkeit, Verschwendung, Verwöhnung und Vollkaskomentalität verabschieden und selbst größere Anstrengungen für unsere Sicherheit, Freiheit und die Gestaltung einer Zukunft in erwirtschafteten Wohlstand und finanzierbarer Wohlfahrt unternehmen müssen.

Hannes Androsch

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Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.

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