Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Distanz und Nähe

Vorarlberg / 09.11.2022 • 07:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Die Demokratie steht buchstäblich auf dem Wahlzettel“ rief der ehemalige US-Präsident Barack Obama jüngst ins Publikum, um seinen Nachnachfolger Joe Biden bei den gestrigen Midterm-Wahlen zu unterstützen.

Die politische Schlacht der beiden Parteien in den USA ist nur ein Beispiel für den gefährlichen Trend der Polarisierung in unseren Gesellschaften. Es geht schon längst nicht mehr um ein gemeinsames Ganzes. Es geht nur noch um Siegen oder Verlieren um jeden Preis. Der Zweck heiligt dabei jedes Mittel – von Lügen über Anschuldigungen und Hetze bis sogar Gewalt gegen politische Gegner. Insofern steht unabhängig vom Ausgang der Wahl ihr Verlierer schon fest: Das amerikanische Volk in einer gemeinsamen Nation.

„So wichtig Rücktritte als persönliche Konsequenzen sind, so wenig ändert sich die dahinterstehende Unkultur dadurch.“

In einem derartigen Meinungsklima wird der Dialog als Zeichen der Schwäche interpretiert. Die Logik der Algorithmen in unserer digitalisierten Welt treibt die Polarisierung noch weiter in Richtung Radikalisierung. Schließlich findet in den Weiten des Internets jede Verschwörungstheorie ihre Bestätigung. Selbst wenn die Unglaubwürdigkeit offensichtlich ist, bleibt doch der Verdacht, dass irgendwo ein Körnchen Wahrheit stecken könnte. Dass es sich allerdings meist um Versuche handelt, die Idee der Demokratie zu schwächen, scheint die wenigsten zu stören.

Die Unfähigkeit zur Gemeinsamkeit findet sich auch in Österreich. Bei politischen Diskussionen geht es schon lange nicht mehr um Argumente oder Kompromisse. Es geht nur noch um den Schutz der eigenen Glaubwürdigkeit durch Beschuldigungen aller anderen. Protestierende erreichen Aufmerksamkeit durch Sachbeschädigung und Straßenblockaden statt mit ihren Anliegen. Arztpraxen leiden unter Wutpatienten, Schaffner unter randalierenden Passagieren. Anderen Meinungen und Interessen oder nur einer Einschränkung des eigenen Egoismus wird mit Aggression und Abwertung begegnet.

Während sich Gruppen in der Bevölkerung gefühlt und tatsächlich immer mehr distanzieren, haben „die da oben“ hingegen ein Problem mit ihrer persönlichen Nähe. Chats zwischen Politikern und Medien oder zwischen Beamten und Unternehmern legen nahe, dass persönliche Kontakte über Karrieren, Steuerzahlungen, Aufträge oder Berichterstattung entscheiden. Die Liste jener, die im vergangenen Jahr zurückgetreten, suspendiert oder beurlaubt wurden, ist seit gestern um zwei prominente Chefredakteure länger. Doch so wichtig Rücktritte als persönliche Konsequenzen sind, so wenig ändert sich die dahinterstehende Unkultur dadurch. Es braucht eine Professionalisierung von Journalismus und Verwaltung als Schutz gegen politische Vereinnahmung sowie mehr Respekt im Umgang miteinander über alle ideologischen Grenzen hinweg. Nur so können wir den gegenläufigen Gefahren Distanz und Nähe begegnen.

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.