Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Sowas ist heutzutage Luxus

Vorarlberg / 15.11.2022 • 06:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am Wochenende habe ich mir den totalen Luxus gegönnt.
„Was denn?“, sagt meine Freundin, „warst du irgendwo?“
„Ja“, sage ich, „in der Badewanne.“
„Boah“, sagt meine Freundin.

„Die Bettflasche, wenn sie aus dem Wasserkocher befüllt wird, verbraucht mehr Strom als ein elektrisches Heizkissen.“

Früher verstand ich unter Luxus: ein Wellness-Wochenende. Ein Essen in einem fantastischen Restaurant, das man sich nur einmal im Jahr leistet. Ein Städte-Trip mit Freundinnen.

Jetzt ist es: baden. Ein grenzwertig heißes, schaumgekröntes, nach Rosen duftendes Wannenbad, ausgiebig, bis an die Grenze der Verschrumpelung. Sowas ist heutzutage Luxus.

Diesen Luxus gönne ich mir nicht in Wien, wo Warmwasser und Wohnung mit Gas geheizt werden. Die Wohnung heuer noch nicht, erst, wenn’s nicht mehr auszuhalten ist, und so schlimm ist es bei mir zum Glück noch nicht. Wie so viele andere in Europa, deren Raumwärme an die Angst vor der Gas-Rechnung gekoppelt ist, versuche ich das Heizen so lange wie möglich aufzuschieben und mich mit Wollsachen und Heizbett vor der Kälte zu retten.

„Was ist ein Heizbett??“, fragt meine Freundin in Deutschland, die auch noch nicht aufdreht. (Was ich feststelle, es wird leider auch eine Art Wettbewerb: Wer heizt am längsten nicht. Das finde ich nicht so gut. Alle Wohnungen und Häuser sind anders, die Menschen und ihr Kälte-Empfinden auch.)

Ein Heizbett jedenfalls ist bei uns eine Art Familientradition. Meine Oma hatte auch schon eins. Wahrscheinlich hatte jeder, der in der Energiekrise der 1970er-Jahre groß wurde, eine Oma, die eins hatte. Es handelt sich beim Heizbett nicht, wie meine Freundin zuerst glaubte, um ein Bett mit eingebauter Heizung (gute Idee eigentlich), sondern um ein dünnes, elektrisch beheizbares Unterbett, das man über die Matratze breitet. Ideal bei vierzehn Grad im Schlafzimmer, wenn wenigstens das Bett vorgewärmt ist. Weil ihr sagt: Aber das geht doch auch mit der Wärmeflasche: Ja, das geht auch, ich habe allerdings, soweit ist es gekommen, recherchiert: Die Bettflasche, wenn sie aus dem Wasserkocher befüllt wird, verbraucht mehr Strom als ein elektrisches Heizkissen.

Das Bad jedenfalls nahm ich im Waldviertler Hüsle, wo das Wasser bei Sonne von Solarpaneelen am Dach warm gemacht wird, im Winter vom alten, wasserführenden Holz-Herd in der Küche, der auch ein paar Heizkörper mitwärmt, während darauf eine Art immerwährende Suppe köchelt.

Das Bad war so herrlich wie schon lang nichts mehr. Wie schnell es gehen kann: Noch letztes Jahr badete ich zwei-, dreimal die Woche, war ganz normal. Jetzt wird übers Baden geredet, als wärs ein verbotener Drogen-Trip: nur hinter vorgehaltener Hand und unter Freunden.

Stell dir vor, was ich im Wochenende gemacht habe! Mah, boah.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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