Wie unsere Pisten lawinensicher werden

Vorarlberg / 20.12.2022 • 16:55 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Leopold Flasch, Verkehrs- und Arbeitsinspektorat des Bundesministeriums, Ausbildungsleiter Bernd Doppler, Pilot Stefan Ganahl und Marc Weingärtner, Sprengmeister und Nachfolger von Bernd Doppler. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Leopold Flasch, Verkehrs- und Arbeitsinspektorat des Bundesministeriums, Ausbildungsleiter Bernd Doppler, Pilot Stefan Ganahl und Marc Weingärtner, Sprengmeister und Nachfolger von Bernd Doppler. VN/JUN

50 Sprengbefugte aus ganz Österreich lernten bei der Firma Wucher Helicopter das Lawinensprengen aus dem Helikopter. Nach dem theoretischen Teil ging es zur Praxis über.

Ludesch Im Zweiminutentakt werden Übungssprengladungen aus dem Helikopter geworfen, der über das verschneite Firmengelände der Firma Wucher fliegt, dann sind die nächsten drei Sprengmeister an der Reihe. Immer mit an Bord: Flugbetriebsleiter und Pilot Stefan Ganahl, der den Heli mit einer Leichtigkeit steuert, als wäre es ein Kinderspiel. Rund 50 Männer, allesamt Sprengbefugte in den verschiedenen Skigebieten Österreichs, haben bei Wucher Helicopter in Ludesch einen speziellen Kurs zur Lawinensprengung mit Helikopter absolviert.

Beim abschließenden Flug musste das Gelernte in die Praxis umgesetzt werden.<span class="copyright"> VN/JUN</span>
Beim abschließenden Flug musste das Gelernte in die Praxis umgesetzt werden. VN/JUN

Ausbildungsleiter Bernd Doppler erklärte: „Wir können nur fliegen, wenn kein Nebel ist, also nur bei guter Sicht.“ Immer nach Neuschnee rückt der Helikopter mitsamt des Lawinensprengteams aus. Um 7 Uhr morgens geht es los, vorher wecke man sonst die Leute. Zunächst gibt es einen Erkundungsflug, man schaut sich dabei die schneebedeckten Hänge an und notiert sich die Standorte, wo im Anschluss gesprengt werden soll. Die Koordinaten lädt man sich aufs Handy.

Beim Start braucht es eine Zeit, bis sich die Rotorblätter schnell genug drehen und der Hubschrauber abhebt.<span class="copyright">VN/JUN</span>
Beim Start braucht es eine Zeit, bis sich die Rotorblätter schnell genug drehen und der Hubschrauber abhebt.VN/JUN
Artur Köb zeigt, wie man sich am Seil festzumachen hat. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Artur Köb zeigt, wie man sich am Seil festzumachen hat. VN/JUN

Nach jedem Schneefall im Einsatz

„Nach jedem Schneefall musst du sprengen. Man weiß nie, wie stabil eine Schneedecke ist“, so Doppler. Wenn beim Sprengen keine Lawine abgeht, ist der Hang sicher. „Es ist eher unwahrscheinlich, dass eine Lawine im Nachhinein abgeht.“ Erst wenn die Lawinensprenger ihren Flug hinter sich haben und sie Entwarnung geben können, dürfen die Skigebiete ihre Pisten öffnen. Sind die Hänge oder die Schneelage nicht sicher, bleibt die Piste gesperrt.

Hier erklärt Stefan Ganahl, wie man sich  anschnallt und wie man die Tür richtig auf- und zumacht. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Hier erklärt Stefan Ganahl, wie man sich anschnallt und wie man die Tür richtig auf- und zumacht. VN/JUN
Marc Weingärtner demonstrier, wie man die Sprengladung verkabelt.
Marc Weingärtner demonstrier, wie man die Sprengladung verkabelt.
Mit Klebeband werden die Zündschnüre festgeklebt. <span class="copyright">HAB</span>
Mit Klebeband werden die Zündschnüre festgeklebt. HAB

„Wir zünden die Ladung im Helikopter“, führte Bernd Doppler weiter aus. Dann wird die Patrone, die sich in einem Holzscheit oder in einem Kartonrohr befindet, rausgeschmissen. Zwischen dem Zünden und Wegwerfen bleibt mit 120 Sekunden genug Zeit. Mittlerweile geht das Zünden elektrisch vonstatten. Das sei sicherer als die herkömmliche Methode. „Ein Abreißzünder war zu gefährlich. Auch wenn nur jeder Zwanzigtausendste versagen würde, wäre das im Helikopter untragbar. Von den elektrischen Anzündern, die viel sicherer und günstiger sind als ein Zünder mit Schlagbolzen, haben wir bereits eine halbe Million verbraucht und bis jetzt keine Störung gehabt“, sagte Doppler, der den elektrischen Zünder selbst entwickelt hat.

Hier sieht man die Zündschnur, die an das Holz geklebt wird. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Hier sieht man die Zündschnur, die an das Holz geklebt wird. VN/JUN

In dem Kurs hantieren die Teilnehmer nur mit Attrappen. Alle fünf Jahre muss dieser Kurs wiederholt werden. „Es gibt immer wieder Neuigkeiten“, so Doppler, der selbstständiger Gerichtssachvollständiger in Lauterach ist. Um das Sprengen aus dem Helikopter zu üben, lernten die Teilnehmer am Vormittag erst den theoretischen Teil, bevor es am Nachmittag in den praktischen Teil mit drei Stationen überging und mit einem Flug über den Hangar als Abschluss.

Der elektrische Auslöser: Man muss beide Tasten kurz hintereinander drücken, damit die Zündschnur gezündet wird. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Der elektrische Auslöser: Man muss beide Tasten kurz hintereinander drücken, damit die Zündschnur gezündet wird. VN/JUN
Fleißiges Werkeln. <span class="copyright">HAB</span>
Fleißiges Werkeln. HAB

Klare Kommandos

Stefan Ganahl zeigte bei der ersten Station den Teilnehmern, wie man die sehr filigran zu bedienende Tür des Hubschraubers behutsam öffnet und wieder zumacht. Denn, geht bei einem Helikopter etwas kaputt, wird es schnell teuer. Außerdem sei die Kommunikation untereinander sehr wichtig. Vorne rechts sitzt immer der Pilot, links von ihm der Ortskundige bzw. Einweiser, der ihn dorthin navigiert, wo man die nächste Ladung abwerfen muss. Hinten links hockt der Sprengbefugte, der die Munition abwirft und rechts von ihm sein Gehilfe, der ihm diese übergibt. Da der Pilot nicht lange an einem Ort verharren kann, da sonst der „Down Wash“ eintritt, bei dem der Helikopter mit Pulverschnee umhüllt wird, sind kurze, klare Befehle wie „Türe kann geöffnet werden“, „Bereit zum Zünden“, „Zünden“, „Gezündet“ und „Abgeworfen“ unerlässlich. „Wir reden das, was es braucht, aber zum Beispiel nicht über unsere gestrige Weihnachtsfeier“, machte Stefan Ganahl unmissverständlich klar.

Rechts sitzt der Pilot, links der Einweiser. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Rechts sitzt der Pilot, links der Einweiser. VN/JUN
Mit der Seilwinde wurde man hochgezogen, um es besser zu veranschaulichen.<span class="copyright"> VN/JUN</span>
Mit der Seilwinde wurde man hochgezogen, um es besser zu veranschaulichen. VN/JUN

Bei der zweiten Station übten die Männer, wie man die die Sprengladung verkabelt. Die Munition bzw. Patrone, die fünf Kilogramm wiegt, muss mit beiden Zündschnüren, einer weißen und einer blauen, verbunden werden. Dazu klebten die Teilnehmer mit einem Klebeband erst die Zündschnur auf das Holz. Auch das Bedienen des elektrischen Auslösers wurde geübt. Drückt man nur die linke rote Taste, passiert gar nichts. Erst wenn man die linke und die rechte Taste kurz hintereinander drückt, ist die Zündschnur aktiviert und die 120 Sekunden zählen runter.

Die verkabelte Attrappe wird im Anschluss aus dem Helikopter geworfen. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Die verkabelte Attrappe wird im Anschluss aus dem Helikopter geworfen. VN/JUN

Wie man „Versager“ birgt

Wie man einen sogenannten „Versager“, einen Blindgänger, birgt, erklärte Artur Köb, Flugretter bei der Bergrettung. Denn es kann passieren, dass der Sprengstoff nicht detoniert und geborgen werden muss. Dazu seilen sich zwei, der Sprengbefugte und der Flugretter, vom Helikopter aus ab. Mit einem Recco-Gerät machen sie den Blindgänger, der ebenfalls mit einem Recco-Streifen ausgestattet ist, ausfindig, buddeln ihn aus, schneiden den Zünder weg und lassen sich wieder hochziehen. Artur Köb wies darauf hin, sich auf keinen Fall vom Tau zu lösen. Mit einem Karabiner sollte man immer am Haken hängen, um absturzgesichert zu sein. Es sei sowieso schon schwierig, mit dem Recco-Gerät bei Steilheit, Wind und schlechter Sicht zu arbeiten. Dass die Blindgänger im Nachgang geborgen werden müssen, sei sehr wichtig, denn der Sprengstoff löst nur bei Schlagkraft aus. Fährt ein Pistengerät über den Blindgänger, kann es sein, dass dieser einen Schlag bekommt und detoniert. So können „Versager“ tickende Zeitbomben im Skibetrieb sein. VN-JUN

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Artur Köb erklärte die Bergung eines Blindgängers. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Artur Köb erklärte die Bergung eines Blindgängers. VN/JUN

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