Zu radikal? Zu wenig radikal!
Noch vor etwas mehr als zwei Monaten, im Mai, war es bei uns im Vergleich zum langjährigen Klima zu kalt. Fragen wurden laut, wie es denn weitergehen würde. Würde es vielleicht gar nicht so warm werden? Etwa gar nicht warm genug? Klimakrise abgesagt? Dabei war es auch zu der Zeit schon bereits viel zu warm, sogar zu heiß. Nur nicht gerade bei uns.
In den letzten Wochen aber waren die vielen Meldungen über Unwetter und Katastrophen, die in Zusammenhang mit der eskalierenden Klimakrise stehen, überwältigend. Wissenschaftsjournalistin Elke Ziegler hat es letzten Samstag im Ö1 Mittagsjournal in einem Interview genau am Punkt formuliert: „Man ist ja regelrecht überfordert momentan angesichts der vielen Zahlen, die allein diese Woche als neue Rekorde gemeldet wurden.“
Manche waren fern von Vorarlberg, manche gleich ums Eck, Menschen aus Vorarlberg waren teilweise direkt betroffen. In der Westschweiz gab es bei einem Gewitter Windböen mit über 200 km/h. In Norditalien gab es innert einer Woche bei Superzellengewittern immer größere Hagelkörner mit bis zu 19 Zentimeter Durchmesser. Das sind keine Körner mehr, das sind schon „Ziegel“. Auftauender Permafrost löste am Fluchthorn in Tirol einen riesigen Bergsturz aus. Auf Inseln und am Land im und ums Mittelmeer gab es noch nicht gekannte Hitzewellen und dazu noch riesige Waldbrände. Das sind direkt sichtbare Auswirkungen der eskalierenden Klimakrise. Und die Liste ist nicht einmal vollständig und wird laufend länger.
Sogar noch beunruhigender sind die in den Medien nicht so prominent vorkommenden Phänomene, die sich nicht so spektakulär und nicht direkt auf uns alle auswirken: die hohen Werte der Meerestemperaturen im Nordatlantik und Mittelmeer. Und die eklatant niedrigere Meereisausdehnung in der Antarktis. Und dabei ist es erst Anfang August.
Spätestens jetzt wird also für uns alle klar sichtbar, wovor die Klimawissenschaft seit Jahrzehnten warnt.
Wir haben das Klima radikal geändert. Jetzt brauchen wir radikale Maßnahmen. Und zwar bei Klimaschutz und bei Anpassung an den Klimawandel. Diese Maßnahmen sind kein Nice-to-have, kein Luxus, sondern sie sind überlebenswichtig.
Und radikal sind nicht die, die friedlich für lösungsorientierte Klimapolitik und gegen die zu lasche Klimapolitik unserer Regierungen protestieren, sondern die, die meinen, sie können den Status quo beibehalten.
Bisherige Gesetzesänderungen, Strukturänderungen und Förderungen, die (Klima-)Politik insgesamt, sind bei weitem zu wenig radikal!
„Jetzt brauchen wir radikale Maßnahmen. Und zwar bei Klimaschutz und bei Anpassung an den Klimawandel.“
Simon Tschannett
simon.tschannett@vn.at
Der Vorarlberger Simon Tschannett ist Meteorologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Stadtklimatologie.